Die Rückkehr! Das Grauen beginnt wieder...

Was erhebt den deutschen Schlager in den Kultstatus?

Sicherlich geht Ihr doch auch mit offenen Augen und Ohren durch Euer Leben. Also habt Ihr es auch schon bemerkt?
In der Szene sind inzwischen Worte wie "Hossa", "Bossanova" und "Sonne im Herzen" zur Standardausstattung der gepfegten Inunterhaltung geworden. Da wird, ohne rot zu werden, über "Schlagerkult" gesprochen. Man geht auf Revivalparties und singt die ollen Kamellen von früher mit einer Inbrunst mit, die sogar die jahrelange, leidenschaftliche Teilnahme unserer Eltern an DER HITPARADE IM ZDF bei weitem in den Schatten stellt!  

Mensch, Du Jugend von heute, spinnst Du eigentlich?

Soll das etwa witzig sein?
Seit 15-20 Jahren wehren wir uns doch gegen diese Herzschmerz-Dutzidutzidu-Einluller! Diese immerfröhlichen Ichliebedich-Jauler beider Geschlechter, die uns, weil sie bei ihrem Arbeitgeber so nicht `rumlaufen dürfen, ihre Kaufhalleklamotten auf irgendeiner Schlagerbühne zumuten.
Lieb mich bitte noch einmal! Mütterlein! Die Spreewaldgurke! Du kannst mich mal am Popocatepetl! Er hat ein knallrotes Gummiboot! Laß mich der Knopf an deiner Bluse sein..........
Ihr wißt schon, das geht ewig platt und peinlich so weiter.
Und jetzt kommen die Teenies von heute und behaupten die Sünden und Peinlichkeiten ihrer Eltern wären heute Kult.
Wir nannten soetwas immer spießig, angestaubt oder lächerlich. Ich kannte zwar auch die ganzen Texte auswendig, weil ich, als es nur drei Fernsehprogramme gab, entweder ins Bett gehen mußte oder eben die Schlagersuppe mitauslöffeln konnte. Aber ich hätte es niemals gewagt diese abgedroschenen Nichtigkeiten in der Öffentlichkeit wiederzugeben, geschweige denn ernsthaft in Erwägung gezogen mit meinen Kumpels zusammen ein paar dieser Peinlichkeiten zu singen. Wir kannten noch Ehre und Stolz! Es gab ein ungeschriebenes Gesetzt, das es uns strikt untersagte die Existenz einer solch niederen Musikform anzuerkennen.

Der Erfinder des HOSSA! Nehmen wir doch zum Beispiel Rex Gildo, den alten Exilinsulaner, der wegen seines rassigen und südländischen Aussehens in den sechziger jahren Erfolge in Deutschland feiern konnte. Das gelang aus dem gleichen Grund auch Blue Diamond (Ramona) und Roberto Blanco (Ein bisschen Spaß muß sein). Heute vegetiert er in Spitzenshows wie Schlagerclub mit Frank dahin oder betrinkt sich auf Firmenfesten, bei denen er dann auch noch von der Bühne torkelt. Hossa! Möchte man meinen.
Hossa - Schlagerkult...

Die Schlagerurform des VoKuHiLaOliBa! Oder ein anderer Vertreter unserer Schlagerbarden, der heute Erfolge feiert, von denen die alten Schlagerhasen damals nur träumen konnten. Wolfgang Petry, der junggebliebene Mechaniker von nebenan. Der macht jetzt schon seit 20  Jahren bei diesem Zirkus mit - und verdient sich heute dumm und dämlich. Die Teenies rennen den Schallplattenhändlern die Türen ein. Dabei sieht der Gute doch aus wie ein Prototyp des Arbeiterdurchschnitts, der irgendwann beschlossen hat nicht mehr zum Friseur zu gehen, nie mehr ein anderes Hemd und nie mehr eine andere Hose anzuziehen. Was macht diesen Durchschnitt eigentlich so anziehend? Du bist ein Wunder, so wie ein Wunder. Ein Wunder Punkt in meinem Leben. Hossa - Schlagerkult...

Ist sie nicht eine Göttin? Es scheint also inzwischen wichtig zu sein, auszusehen wie der Kopfschlächter oder die Kassiererin von nebenan.
Falls Ihr sie nicht erkennen solltet, das ist Kristina Bach, eine Diva der Szene! Erfolgreich mit Kleidungsstücken einer arbeitslosen Möchtegerndesignerin und Perückenfrisur von Woolworth. Mittlerweile scheint das ersungene Almosen auch für plastische Vergrößerungen im Oberkörperbereich gereicht zu haben.
Die Texte fallen ihr mal so zwischendurch beim Wäschewaschen und Busfahren ein, wie sie selbst im Schlagerclub mit Frank zugegeben hat. Ihre Choreographie hat sie dagegen entweder bei der Augsburger Puppenkiste oder bei Pinocchio abgekupfert. Auf alle Fälle, den Leuten gefällt es, was ihr natürlich recht gibt. Sozusagen verkörpert sie eine zu Fleisch gewordene Selbstrechtfertigung des gemeinen Durchschnittsspießertums.
Hossa - Schlagerkult...

Ausgestattet mit einer exorbitant großen Anzahl solcher Schlagerstars und -sternchen werden in ganz Deutschland Trendpartys gefeiert. Gestreckt mit Klassikern der Neuen Deutschen Welle, die hier übrigens aus Versehen `reingeschliddert sind, und den altbekannten Sauf- und Stimmungshits aus den Bierzelten vor während und nach der Karnevalszeit, ergibt sich ein finanzstarker Mob aus Trendsettern, die geleitet von viertklassigen DJs eine postmoderne Form der Fischerchöre zelebrieren. Da kann der alte Gotthilf stolz auf seine Epigonen in der DJ-Zunft herunterblicken.
Die Jungs würden normalerweise sogar aus jedem Bierzelt geschmissen werden, können sich aber durch ständiges Mitgrölen ins Mikrofon und der damit verbundenen Verbreitung schlüpfriger Sprüche gerade noch einmal retten. Aus "Das ist die pure Lust am Leben" wird da ganz eifrig ein "Das ist die pure Lust am Vöglen" gemacht, was das promilleschwangere Jungvolk mit lautem Mitjohlen honoriert. Früher wären solche DJs nach einem Abend gefeuert worden. Heute sind sie Kult. Aber die Menge verlangt offensichtlich eine solche Behandlung. Es scheint, als würden die tollsten Tage des Jahres nicht mehr ausreichen. Man versucht anscheinend die Karnevalszeit durch immer häufiger stattfindende Schlagerpartys künstlich zum Ganzjahreshappening zu machen. Saufen und Ficken, dabei Gröhlen bis zum Abwinken. Ballermann daheim und immer!!
Hossa - Schlagerkult...

Es gilt noch auf eine kleine, aber feine Sendung auf SuperRTL hinzuweisen:
Der Stadionsprecher des VFL Bochum hat einen Schlagerclub - mit Frank... Die Sendung ist der bereits erwähnte Schlagerclub mit Frank - irgendwie wohl der Nachfolger des jungen Dieter Thomas Heck! Hier treffen sich die ausgelutschten Altstars mit dem hübschen Nachwuchs ihrer Zunft. Heissa, was´n Spaß! Das Publilum betseht aus Leuten, wie Du und Ich es eben nie sein wollen und  klatscht sich die Hände wund. Der Dieter - der Thomas - der Heck
Bei der Kartenkontrolle erhält deshalb jeder Besucher des Club ein Beutelchen mit Magnesiumstaub ausgehändigt, um schlimmere Verletzungen beim Mitklatschen zu vermeiden. Wer diese Sendung und ihren wortgewandten Moderator jemals gesehen hat, weiß, daß das Grauen wieder unter uns ist! Wer davon aber nicht genug bekommen kann, kann dann nachts noch die aufgewärmten Zusammenschnitte der einzelnen Sendungen, unterbrochen von Franks motivierenden Lebensweisheiten, in HitClips genießen.
Hossa - Schlagerkult...

Wer also die ganzen Konsequenzen dieser tragischen Entwicklung in Deutschland überblicken kann, muß sich natürlich fragen, warum die Jugend von heute sich dieser Kasteiung aussetzt?
Wie schlimm muß es um unsere Gesellschaft bestellt sein, wenn die Jugend ihre ehernen Prinzipen der Erneuerung, des Widerstandes und der Subkultur vernachlässigt oder aufgibt und sich bedingungslos den Fehlern ihrer Eltern ergibt???
Noch nie hat eine neue Generation so umfasend die Gleichschaltung mit ihren Eltern vollzogen. Die allgemeine Gleichgültigkeit und andererseits das Streben nach Sicherheit zwingen offensichtlich viele junge Menschen zur Unterdrückung ihrer alten Macht - der Rebellion gegen das Bestehende und gegen ihre Eltern. Nur diese Rebellion kann zu einer Evolution der Gesellschaft führen. Der andere Weg heißt Degeneration!

Hossa - Schlagerkult!

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