3.2 ZUSAMMENFASSUNG DER "VORLESUNG ÜBER PÄDAGOGIK": Kants Einleitung der "Vorlesung über Pädagogik"


Zurück Inhalt Titelblatt Vor


"Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß."(9) Diese Aussage wird dadurch begründet, daß der Mensch, im Gegensatz zu den Tieren, roh auf die Welt kommt. Während die Tiere durch ihre Instinkte geleitet sind, d.h., daß eine fremde Vernunft schon alles für sie besorgt hat, braucht der Mensch eigene Vernunft. "Er hat keinen Instinkt, und muß sich selbst den Plan seines Verhaltens machen. Weil er aber nicht sogleich im Stande ist, dieses zu tun, sondern roh auf die Welt kommt: so müssen es andere für ihn tun."(10) Er muß also erzogen werden.

Erziehung umfaßt Wartung ( Verpflegung, Unterhaltung), Disziplin (Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung. Demzufolge wird der Mensch vom Säugling über den Zögling zum Lehrling.

Unter Wartung ist die Vorsorge der Eltern zu verstehen, daß die Kinder keinen schädlichen Gebrauch ihrer Kräfte machen.

Disziplin oder Zucht ändert die Tierheit in die Menschheit um. Dies geschieht, indem das Kind schon früh den Gesetzen der Menschheit unterworfen wird, damit die natürliche Wildheit abgelegt werden kann. "Wildheit ist die Unabhängigkeit von Gesetzen. Disziplin unterwirft den Menschen den Gesetzen der Menschheit, und fängt an, ihm den Zwang der Gesetze fühlen zu lassen."(11)

Mit dem Begriff Unterweisung wird nun alles zusammengefaßt, was den Menschen zum Leben in einer speziellen Kultur vorbereitet. In unserem heutigen Sprachgebrauch würde dies der Vermittlung von Kulturtechniken entsprechen. Zu dieser Kultivierung kommt aber auch noch die Zivilisierung und die Moralisierung hinzu. Erstere schließt die Aneignung von Manieren, Artigkeit und einer gewissen Klugheit ein, letztere soll dem Menschen die richtige Gesinnung vermitteln: "Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute Zwecke erwähle."(12)

Man kann nun Kants Begriffsdifferenzierung nochmals ausdifferenzieren:

Erziehung umfaßt Wartung.

Bildung umfaßt Disziplinierung, Kultivierung (inklusive Zivilisierung) und Moralisierung.

Erziehung Bildung
Wartung Disziplinierung,

Kultivierung,

Moralisierung

Die Notwendigkeit, den Menschen zu erziehen, steht für Kant außer Frage:

"Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht."(13)

Ziel dieser Erziehung soll es sein, daß die Menschengattung "...die ganze Naturanlage der Menschheit, durch ihre eigne Bemühung nach und nach von selbst herausbringen (soll - GK)." (14)

In dieser Äußerung steckt implizit, daß sich die Menschheit in einem Entwicklungsprozeß befindet, dessen Endpunkt darin besteht, daß die Menschheit fähig ist, sich bestmöglich, d.h. ihre ganzen Naturanlagen, zu entwickeln. Der Weg zu diesem Endpunkt führt über die Erziehung: "Es ist zu bemerken, daß der Mensch nur durch Menschen erzogen wird, die ebenfalls erzogen sind. Daher macht auch Mangel an Disziplin und Unterweisung bei einigen Menschen sie wieder zu schlechten Erziehern ihrer Zöglinge." (15)

Das bedeutet, daß Kants Vorstellung über Erziehung weit über die individuelle Entwicklung des Einzelnen hinausgeht, weil sie eng mit der Vorstellung eines geschichtlichen Fortschritts verbunden ist. Die Gesellschaft als solche kann sich nur verbessern (das bedeutet implizit, daß die Gesellschaft verbessert werden muß), wenn sich die Pädagogik weiter entwickelt. Bei Kant klingt das so:

"Die Erziehung ist eine Kunst, deren Ausübung durch viele Generationen vervollkommnet werden muß. Jede Generation, versehen mit den Kenntnissen der vorhergehenden, kann immer mehr eine Erziehung zu Stande bringen, die alle Naturanlagen des Menschen proportionierlich und zweckmäßig entwickelt, und so die ganze Menschengattung zu ihrer Bestimmung führt."(16)

"Wo soll der bessere Zustand der Welt nun aber herkommen?"(17) Kant ist der Ansicht, daß dieses hohe Ziel nur erreicht werden kann, wenn der Mechanismus in der Erziehungskunst in Wissenschaft verwandelt wird, wenn die Pädagogik ein Studium wird, so daß nicht mehr nur mechanisch erzogen wird. Denn sonst erzieht ein in der Erziehung Verdorbener den Anderen.

Das Prinzip dieser Erziehung sollte es sein: Die Kinder sollen nicht nach dem gegenwärtigen, sondern nach dem zukünftig besseren Zustand der Welt erzogen werden. Diese Orientierung auf die Zukunft hin entspricht Kants Idee der Menschheit und ihrer Weiterentwicklung.

Um dies zu realisieren bedarf es mehr als bis dato getan. Modern gesprochen könnte man sagen, daß Kant eine Professionalisierung der Pädagogik einklagt, indem er Experimentalschulen und Erziehungsinstitute fordert. Außerdem unterscheidet er zwei verschiedene Erziehertypen:

1. Den Informator, der bloß ein Lehrer ist,

2. den Hofmeister, der ein Führer ist, und somit für die Moralisierung zuständig ist. Dieser muß natürlich seiner wichtigen Aufgabe gemäß besonders ausgebildet werden.

Desweiteren unterscheidet Kant die Privaterziehung von der Öffentlichen. Erstere ist für die Wartung und die Disziplinierung zuständig. Die öffentliche Erziehung hingegen sollte diejenige sein, "... die beides, Unterweisung und moralische Bildung, vereinigt."(18) Diese Unterscheidung zielt jedoch ganz im Kantschen Sinne darauf ab, daß durch die öffentliche Erziehung die Privaterziehung perfektioniert wird, und sich somit die institutionalisierte Pädagogik selbst überflüssig machen soll. Wenn nämlich ein Mensch diese Art der Erziehung genossen hat, so wird er seine Kinder nach denselben Prinzipien wieder erziehen, ohne diese in Institute schicken zu müssen, was, über Generationen gedacht, diese überflüssig machen würde.

"Der Zweck solcher öffentlicher Institute ist: Die Vervollkommnung der häuslichen Erziehung. Wenn erst nur die Eltern, oder andere, die ihre Mitgehilfen in der Erziehung sind, gut erzogen wären: so könnte der Aufwand der öffentlichen Institute wegfallen."(19)

Am Ende der Einleitung macht Kant auf einen Widerspruch in seinem bisher dargelegten Programm aufmerksam: "Eines der größesten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich Freiheit bei dem Zwange?"(20)

Für den Umgang mit diesem Problem bestimmt Kant drei Postulate:

1. Der Erzieher soll dem Zöglinge, bis zu dem Punkte, an dem er sich oder anderen schadet, alle Freiheiten gewähren.

2. Das Kind muß lernen, die Freiheiten anderer zu tolerieren.

3. Dem Zöglinge muß erklärt werden, daß der ihm auferlegte Zwang den Zweck verfolgt, ihm den Gebrauch seiner Freiheit zu ermöglichen.

Diese drei Regeln lösen aber den aufgezeigten Widerspruch nicht.

Um dieses Problem lösen zu können, bzw. bestimmte Erziehungspraktiken legitimieren zu können, bearbeitet Kant die Frage, wozu der Mensch erzogen werden soll, also die Frage um die Normativität von Erziehung, indem er sie in eine Physische und eine Praktische unterteilt: "Die physische Erziehung ist diejenige, die der Mensch mit den Tieren gemein hat, oder die Verpflegung. Die praktische oder moralische Erziehung ist diejenige, durch die der Mensch soll gebildet werden, damit er wie ein frei handelndes Wesen leben könne."(21)

Diese praktische Erziehung differenziert Kant nun nochmals aus: In 1. eine scholastisch-mechanische Bildung, die Geschicklichkeit, also Kenntnisse und Fertigkeiten lehren soll, 2. eine pragmatische Bildung, bei der es um die Vermittlung von Klugheit geht, und 3. eine moralische Bildung, die Sorge tragen soll, daß moralische Werte gelernt werden, im Sinne sittlicher Erziehung.

Diese Einteilung wird zunächst auch als zeitliche Abfolge beschrieben: Zuerst setzt die mechanische dann die pragmatische und erst zuletzt die moralische Bildung ein. Dies ist aber so radikal nicht gedacht. Kant verweist selbst darauf, daß alle drei Gesichtspunkte gleichzeitig beachtet werden müssen, d.h. daß es sich nicht um eine schematische Abfolge handelt.


Zurück Inhalt Titelblatt Vor

Copyright Gerd Kalmbach 1997