Umzüge mit Lärmgeräten sind im
Volksbrauch eine geradezu weltumgreifende Erscheinung. In unserem Kulturkreis
kennen wir Lärmzüge vornehmlich bei Winter- und
Frühlingsbräuchen sowie als Mittel
der knabenschaftlichen Volksjustiz. Unter Begriffen wie "Tschättermusik",
"Katzen-musik" und "Charivari" sind diese improvisierten
"Musikgruppen" in unserem Lande seit langem bekannt.
Die älteren Begriffe werden in unserem Jahrhundert grösstenteils
abgelöst durch das Wort "Guggenmusik" bei
gleichzeitiger Veränderung des Klangkörpers.
Der neue Begriff und mit ihm grösstenteils auch die Sache scheint
sich von Basel aus verbreitet zu haben.
In der Stadt Basel existierte vor dem Auftauchen
des Wortes "Guggenmusik" offensichtlich kein einheitlicher Begriff für
eine kakophonisch spielende Musikgruppe. Für
zwei benachbarte Baselbieter Gemeinden ist die
"Katzenmusik" belegt, wie wir später sehen werden. So wird 1904 aus
Muttenz berichtet: "Von dem hässlichen
'Morgenstreich' mit seinem katzenmusikartigen
Lärmen war diesmal nichts zu merken". Eine nächtliche Katzenmusik
veranstalteten 1888 etwa dreissig Allschwiler
Altkatholiken, nachdem ihr Sieg bei den Gemeindewahlen
festgestanden hatte: Sie zogen mit Pechfackeln, Trommeln, Pfannendeckeln
und Kuhglocken lärmend vor jedes
römisch-katholische Haus. Es sei nicht verschwiegen,
dass es in der Nacht nach dem Herrenfastnachtssonntag geschah: Die Instrumente
hatte man ja ohnehin in
Griffnähe!
Streicher und Bläser
Obwohl dies viele "echte" Basler Fasnächtler
nur mit Mühe glauben wollen, gehören andere Instrumente als die
Trommel und das auch erst im letzten Jahrhundert an der
Fasnacht belegbare Piccolo seit langem zur Basler
Fasnacht. Im Basler Kupferstichkabinett wird eine getuschte Federzeichnung
von Niklaus von Riedt aus dem Jahre
1589 aufbewahrt, die einen Fasnachtsumzug mit
einem Lautenspieler und einem Posaunisten wiedergibt. Wohl noch vor 1800
wurde eine im Historischen Museum Basel
befindliche lavierte Tuschzeichnung angefertigt:
Sie zeigt auf dem Münsterplatz einen Fasnachtsumzug, auf die Revolutionswirren
von 1798 anspielend, und lässt hinter
den Tambouren eine Musikantengruppe mit Instrumenten
wie Fagott, Horn, Trompete, Violine und Pauke erkennen. Von einem politischen
Fasnachtsulk auf Kosten des
Basler Staatsmannes Peter Ochs hören wir
1803: "Auf dem Petersplatz begrub man unter Waldhornfanfaren einen Ochsenkopf
samt grün-rot-gelben Kokarden und
deutete damit symbolisch das Ende des helvetischen
Einheitsstaates an". Dem Reiseschriftsteller Gottlob Heinrich Heinse (1766-1812)
verdanken wir in seiner
ausführlichen Schilderung des Fasnachtsgeschehens
im Jahre1809 die Mitteilung, dass der Zug von einem "Chor Berghoboistens
eröffnet wurde und dass ferner berittene
Trompeter dabei waren". Wenigstens von Alphörnern
ist die Rede bei einem folkloristischen "Älplerzug" am Fasnachtsmontag
1812. Die sich in nichts von damaligen
historischen Festumzügen unterscheidenden
Fasnachtszüge des 19. Jahrhunderts haben selbstverständlich immer
auch Musiken dabei. Einer der frühesten Züge ist
dargestellt auf einer kolorierten Radierung von
1820 (Historisches Museum Basel), der dem Thema "Brautzug des Grafen Otto
von Thierstein und der Katharina von
Klingen anno 1376" gewidmet war. Das Bild zeigt
unter anderem berittene Fanfarenbläser und eine Musik mit Bläsern
und Streichern auf einem Wagen. Eher
fasnächtlich im heutigen Sinn wirkt auf
einer Lithographie von 1845 die kleine Musikgruppe mit Pauke, Becken, Horn
und Schalmei, welche einer Tambourengruppe
folgt. Richtige Blechmusiken sind u.a. bezeugt
an den Fasnachtszügen 1835,1841 und 1853, die aber vermutlich seriös
spielten. Wenn wir der bekannten
Morgenstreich-Darstellung von Hieronymus Hess
für das Jahr 1843 Glauben schenken dürfen, kamen damals Blechinstrumente,
wohl Fanfaren, zum Ertönen. Aus einem
"Karneval-Bericht" von 1852 erfahren wir Details
über "Gruppen, die den Morgenstreich zusammentrommelten, pfiffen,
trompeteten und schrieen". Unter anderem ist die
Rede von einer "Janitscharen-Musik, gekleidet
in Schlafrock und Zipfelkappe" mit Trompeten und Pauken, und von "Schnurrantens
mit Piccolo und Bombardon, Kornet
und Pauke usw". Dass gerade Trompeten an der
Fasnacht durchaus üblich waren, zeigen auch zeitgenössische Inserate
("Instrumente für Fastnacht"). Womit an der
Basler Fasnacht Lärm erzeugt wurde, zeigt
die ab 1869 in der Presse publizierte "Polizeiliche Bekanntmachung betreffend
die Fastnacht", wo es unter Artikel 1 heisst:
"Montags und Mittwochs darf vor 4 Uhr morgens
nicht getrommelt und in keiner Weise gelärmt werden. Ebenso ist Lärm
mit Hörnern, Klapperinstrumenten, Geschellen
u. dgl. untersagts". Um 1870 lesen wir in den
Fasnachtsberichten wiederholt vom nachmittäglichen Mitwirken einer
"humoristischen Zukunftsmusik, die mit ihren
Produktionen die Aufmerksamkeit auf sich zog".
Wie Inserate von Bierwirtschaften der ganzen Regio zeigen, handelte es
sich dabei um eine Musikgruppe, die auch
ausserhalb der Fasnacht u.a. mit "komischen Couplets"
für sonntagnachmittägliche, "komisch-musikalische Unterhaltung"
besorgt war. Ob wir uns darunter tatsächlich
einen Vorläufer heutiger Guggenmusiken vorstellen
dürfen, kann ich nicht entscheiden. Solange nichts näheres zur
Instrumentierung und zum Stil bekannt wird, gilt
dasselbe auch für die vor 1872 existierende
"Kontingentenmusik", etwa auch "Waschweibermusik" genannt, eine "musikpflegende
Fastnachts-Clique", deren Mitglieder
zum Teil an der Gründung des Basler Musikvereins
beteiligt waren.
Musikvereine und "improvisierte Musiken"
Während man weiterhin nichts gegen eine Beteiligung
von Blasmusiken am Nachmittag einzuwenden hatte, wie beispielsweise 1874
gegen eine "40 Köpfe zählende
Musik in pruntrutischen Weiberkleidern und kommandiert
von einem Kapellmeister als Abbeal", so wollte man solche Musiken am Morgenstreich
anscheinend nicht mehr
dulden: Etwas Neues war auch das Auftreten einer
Blasmusik. Mehrere gute, echte Basler haben uns aufgefordert, gegen die
Verwendung von Blasinstrumenten am
Morgenstreich zu protestieren, der Morgenstreich
sei einzig und allein nur für's 'Ruessen' und nicht für's Blasen.
Dieser Protest dürfte kaum allgemeinen Beifall gefunden
haben: 1884 erfahren wir nämlich, dass das
Auftreten einer Blasmusik am Morgenstreich polizeilich gestattet wurde.
In der Folge lesen wir in der Presse regelmässig
von "Musikbanden" (durchaus nicht abwertend zu
verstehen, sondern als Gegensatz zu den grossen Musikgesellschaften) und
von "improvisierten Musiken" (auch
bezüglich der Instrumentierung?), die am
Morgenstreich teilnahmen. In den Zeitungen jener Jahre ist überhaupt
eine grosse Aufgeschlossenheit gegenüber den
Blasmusiken festzustellen. Man freute sich über
diesen Akzent, der doch vorwiegend von seriösen, aber kostümierten
Kapellen wie Knabenmusik, Jägermusik,
Musikverein Basel, Stadtmusik Konkordia, Musikverein
Amicitia, Musikverein Horburg, Musikverein Vorwärts, Musikverein Oberwil
und Metallharmonie Binningen
gesetzt wurde, die jenach ihrem Sujet als "Maurenmusik",
"Basler Zukunfts-Damenkapelle", "Dragoner-Regimentsmusik", "Amazonenkapelle"
oder "Sträflingskapelle"
daherkamen. 1880 schrieb der Korrespondent vom
Montagszug: "Doch was hören wir? Musik! - Ist es möglich, an
der Basler Fastnacht noch ein anderes Instrument zu
kultivieren als das edle Trommelfell? In recht
verdankenswerter Weise hatte die Kommission der Knabenmusik ihre jüngeren
Musiker versammelt, und dieselben zogen
wohlgeordnet und gut diszipliniert, ihre gefälligen
Märsche blasend und schlagend auf..." Im Zusammenhang mit der bis
zum heutigen Tag nicht verstummten Diskussion
um die Organisation der Nachmittagszüge
wird 1883 in einem "Eingesandt" der Vorschlag gemacht, die Tambourengruppen
sollten zugunsten der Musiken zurücktreten ,
Im darauffolgenden Jahr wird eine "Musikbande",
die Ständchen brachte und den Zapfenstreich kopierte, als "gelungene
Abwechslung" taxiert, und 1885 hält der
Zeitungsschreiber fest: "Eine neue Fastnachtsleistung
scheint immer mehr aufzukommen und trägt zur Verschönerung bei,
nämlich Musikproduktionen...". Da kann es
dann nicht mehr weiter verwundern, wenn 1887
im "Briefkasten" der Zeitung der Wunsch nach einer Prämierung "humoristischer
Musiken" geäussert wurde. Was
damals unter "humoristisch" bereits zu verstehen
war, vermögen wir aus heutiger Warte nicht mehr leicht zu deuten.
Wohl immer noch ein guter Gag (aber beileibe nicht
am Morgenstreich!) wäre die Kombination
von fünf Trommeln und einem Waldhorn. Dieses kam 1898 immer dann mit
der Melodie "Frühmorgens, wenn die Hähne
krähn..." zum Einsatz, wenn die Gruppe eine
Stelle in der innern Stadt passierte, wo ein Trommelverbot bestand.
Die ersten Guggenmusiken kommen
Für die Zeit um die Jahrhundertwende darf
die Existenz von Guggenmusiken als sicher angenommen werden, wenn wir beispielsweise
1902 vernehmen, dass die
"Wasserwerkler-Musik" am Mittwochnachmittag "grosse
Heiterkeit" erzeugte und im Jahr danach eine "Tiroler Damenkapelle" und
weitere "kostümierte
Musikabteilungen fleissig ihre lustigen Weisen
ertönen liessen". Das Wort "Guggenmusik" begegnet uns das erste Mal
1906 im "Verzeichnis der Fastnachtszüge" neben
zehn anderen Musiken: Eine "Guggenmusik" spielte
als Sujet die Deutschlandreise der "verkrachten" Stadtmusik Concordia aus.
Ob sich hinter der Gruppenbezeichnung
"Krachauers" auf derselben Liste eine weitere
Guggenmusik versteckt, konnten wir nicht herausfinden. Zum Mittwoch-Morgenstreich
wurde übrigens in der Presse
gemeldet: "An neuen Zügen traten, so viel
wir bemerken konnten, eine originelle Katzenmusik auf und ein nicht minder
origineller Mandolinenklub". 1907 sah der
Berichterstatter am Morgenstreich "einen Trupp
Bremer Stadtmusikanten, die auf ihren Instrumenten ein Geräusch erzeugten,
das 'Stein erweichen, Menschen rasend
machen kann'...". Vom Montag-nachmittag wird
dann gemeldet: "Von den einzelnen Wagen, welche durch die Strassen zogen,
riefen besondere Heiterkeit hervor die
'Saharet' der Guggenmusik"; ihr Fasnachtszettel
hat sich erhalten. Beim Umzug vom Mittwochnachmittag ist ausserdem von
einer "Trost-Clique" die Rede, einem
Musikkorps in Trauerkleidung, welche das Fernbleiben
der Basler Musikvereine ausspielte, die wegen der offensichtlich nicht
übergrossen Subvention nicht mitzumachen
gewillt waren. Die Clique spielte den Trauermarsch
von Chopin "grotesk". Am Morgenstreich 1908 "lässt eine Blechmusik
ihre zum Himmel schreienden Weisen
erschallen und kaum fünf Schritte weiter
lässt es einem die richtige 'Tschinnerättemusik' durch Mark und
Bein fahren".Zwischen 1911 und 1914 nahm regelmässig die
"Alt-Guggenmusik Horburg" an den vom Comite (gegr.
1910) organisierten und subventionierten Umzügen teil. Diese Guggenmusik
setzte sich möglicherweise aus
Mitgliedern des Musikvereins Horburg (Industriequartier
in Kleinbasel) zusammen. Für 1913 entnehmen wir dem offiziellen Führer
des Fasnachts-Comites, dass auch
eine weitere Guggenmusik mit dem Sujet "Waggismusik"
gemeldet war. An die Beteiligung von Guggenmusiken am Morgenstreich von
1914, dem letzten für mehrere
Jahre, kann sich ein alter Fasnächtler noch
gut erinnern: "D Melody hesch miesse verroote".
Fasnächtiches und Unfasnächtliches
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg sind Guggenmusiken
zwar bald wieder unterwegs, doch offensichtlich eher am Morgenstreich und
an den Abenden. Von
"Unbaslerischem am Morgenstreich" lesen wir 1923
im "Briefkasten des Publikums": "In den Restaurationen der innern Stadt
trieb sich eine richtige 'Guggenmusik'
herum, die da und dort ein Stücklein spielte
und dann mit dem Hut einsammeln ging", was der Einsender als"Unzeug" betrachtete
und zu "energischem Protest"
veranlasste. Aber mit den Musiken am Morgenstreich
war es nicht mehr grossartig bestellt. Obwohl noch im Vorjahr "einige kleinere
'Guggenmusige' den Tumult
erhöhten", schreibt 1931 ein Einsender in
den "Basler Nachrichten": "Zu wünschen wäre auch noch eine Wiederbelebung
des Morgenstreichs durch Musikkorps, wie
auch dies noch vor dem Kriege der Fall war. Es
brauchen gar keine richtigen Musikkorps zu sein, einige wenige wirkliche
Instrumente genügen, das übrige wird durch
Lärm und Rhythmus ersetzt und erzielt vollkommen
die gewünschte Wirkung. Solche Gruppen und Grüpplein würden
den ganzen Betrieb günstig beeinflussen. Das
Fasnachtscomite des Quodlibet unterstützte
denn auch speziell solch belebende Gruppen am Morgenstreich, wenn auch
meistens nur in 'Natura', was aber doch
willkommen war". 1934 meldet dann ein Journalist
vom Morgenstreich: "... da rasselte rücklings, nach alter Väter
Sitte auf dem Trottoir, die erste Guggemusik mit
ohrenbetörendem Getschätter vorbei.
Das gibt es also wieder? Bravo!" Auch in den folgenden noch bis zum Kriegsausbruch
verbleibenden Jahren begegnen wir ständig
Erwähnungen von Guggenmusiken (allerdings
mit wechselnden Bezeichnungen), die "mit schmetterndem Getöse nahen",
"bäumig schränzen" und "vorüber rasseln".
Doch die Guggenmusiken, unter den durchschnittlich
acht zwischen 1911 und 1939 subventionierten Musikgruppen sicher die Minderheit,
sorgten für Veränderung des
fasnächtlichen Musik-Geschmacks: "Könnte
nicht auch die musikalische Belebung der Banden baslerischer und fasnächtlicher
um- und ausgestaltet werden? Der
Aufmachung einzelner Musikgruppen fehlte am gestrigen
Nachmittag auch wirklich jeder Hauch fasnächtlichen Geistes! Sollte
die Anpassung tatsächlich so schwierig
sein? Wir glauben nicht. Sicherlich dürfen
die Musikgruppen in Zukunft nicht mehr solche Fremdkörper im Bild
unseres Fasnachtsbildes darstellen, wie dies gestern
teilweise der Fall war". Damit waren selbstverständlich
jene Musikvereine gemeint, die nach Noten spielten und - wie Photos der
dreissiger Jahre zeigen - auch von der
Kostümierung her nicht besonders originell
die Umzugsroute abschritten. Statt sich nach obigem Wunsch fasnächtlicher
zu geben, distanzierten sich die Musikvereine von
einer Teilnahme an der Fasnacht, weil "die Guggenmusiken
immer mehr überhand nahmen".
Und 1946 geht es dann los
Auch an den "Konservenfasnachten" 1940-1945 (ohne
Strassenfasnacht) waren die Guggenmusiken zu hören - allerdings bloss
in geschlossenen Räumen, in
Wirtschaften, an Bällen und auch am "Monstre-Trommel-Konzert".
Diese seit 1906 bestehende Vorfasnachtsveranstaltung wurde bereits 1909
durch den Vortrag einer
Blasmusik (Musikverein Amicitia) mitgestaltet,
was sich später (z.B. 1918) wiederholte. Bald nach der Gründung
der "Jeisy Migger-Guggenmuusig" nach der Fasnacht
1926 war auch der Auftritt dieser Guggenmusik
während über 25 Jahren ein fester, wenn auch nicht im Programm
figurierender Bestandteil des "Monstre" im
"Küchlin-Theater". Nur ein einziges Mal
- an der ersten Nachkriegsfasnacht 1946 - machten sie auch an den Umzügen
von Montag und Mittwoch mit. Insgesamt sieben
Musikgruppen - nun alles Guggenmusiken - waren
für diese Fasnacht beim Comite gemeldet. Sie trugen Namen wie "Dreiroserampe-Schränzer-Guggemusig",
"Chnullerifurzguggerabbsi", "Schluch-und Guggemusig
Breiti" (auf einem Auto) und "Studio Neubad-Guggemusig". In den folgenden
Jahren erscheinen immer mehr
Guggenmusiken in den Verzeichnissen des Fasnachts-Comites.
Zunächst teilweise noch mit wechselnden Bezeichnungen wie beispielsweise
die "Schotten-Clique" (gegr.
1947), die über "Hirschenegg-Schotte", "Hirschenegg-Clique"
und "Schotteclique Hirschenegg" zu ihrem heutigen Namen fand. Wie das Guggenmusikwesen
in Basel sich
seit 1946 entwickelt hat, zeigen diese wenigen
Zahlen, welche nur die beim Comite gemeldeten Gruppen berücksichtigen:
1946: 7 Guggenmusiken / 1956: 13 Guggenmusiken / 1966: 24 Guggenmusiken / 1976: 38 Guggenmusiken / 1985: 67 Guggenmusiken / 1995: 70 Guggenmusiken .
Der "Guggezyschtig"
Nicht erst die heutige Zahl von Guggenmusiken
hat bei Fasnachtspuristen und hier nicht nur bei Pfeifern und Trommlern
- immer wieder zu bösen Äusserungen Anlass
gegeben. Heftig wurden die Diskussionen pro und
contra Guggenmusik um 1960, als immer lauter ihre Teilnahme am Morgenstreich
in Frage gestellt wurde. 1962 wurde
der Morgenstreich erstmals ohne Guggenmusiken
durchgeführt. Im Gegenzug versprachen die Trommler- und Pfeifer-Cliquen,
inskünftig am Dienstagabend während
einiger Stunden das Gebiet zwischen Marktplatz
und Barfüsserplatz nicht musizierend zu betreten. Dann nämlich
gehört das Stadtzentrum, namentlich die Plätze und
breiteren Strassen, vollständig den Guggenmusiken
mit ihren Paraden und Platzkonzerten. Damit haben sie nicht einmal etwas
verdrängt, war der Dienstag doch bis vor
wenigen Jahren ein eigentlicher Ruhetag im Basler
Fasnachtsleben. Das Geschehen beschränkte sich auf den Besuch der
Laternenausstellung, auf die Kinderfasnacht
und etwas Saalfasnacht. Dieses Vakuum nutzten
nun die Guggenmusiken aus. Ihr "Feldzug gegen die stillbeschauliche Fasnachtsdienstagsruhe"
führte erstaunlich rasch
zum Erfolg und machte den Dienstag auch zum "Guggezyschtig".
Die Anfänge dürften in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückreichen.
Es ist nämlich bekannt, dass
die schon erwähnte "Jeisy Migger-Guggemuusig"
jeweils nur am Dienstag in Erscheinung trat. Der Grund war einfach: Die
Musik, gegründet und geleitet vom Wirt Emil
Jeisi, dem langjährigen Pfeiferchef der
Fasnachtsclique "Alti Steinlemer", konnte nur am Dienstag musizieren, weil
die Mitglieder am Montag und Mittwoch trommelten
und pfiffen. Vorwiegend Kameraden der Cliquen
"Alti Schnooggekerzli" und "Schnooggekerzli" fanden sich in der 1946 gegründeten
"46er Guggemuusig" zusammen, die
ebenfalls nur am Dienstagabend konzertierte und
es noch heute so hält. Die aus prominenten Kreisen, aus Geschäftsleuten
und Beamten bis hin zum jetzigen Obmann
des Fasnachts-Comites zusammengewürfelte
Guggenmusik hatte in ihren besten Zeiten bis gegen hundert Mitglieder,
die alle im "Charivari" (individuelle Kostümierung)
und mit eigener Plakette auftraten. In der Mitte
des Zuges marschierte eine "Kammerorchester" genannte Gruppe als Melodienbläser
mit; es waren zumeist Mitglieder
von Jazz- und Unterhaltungsorchestern, aber etwa
auch Teile der Knabenmusik oder einer Dorfmusik, die man für diesen
Zweck engagierte. Sie waren 1948 die erste
Guggenmusik, die neben ihrem Zug durch die Stadt
auf dem Marktplatz ein Platzkonzert gaben.Einmal führten sie auch
ein Harmonium mit sich, das sie nachher in den
Rhein warfen, was ihnen eine Busse von 150 Franken
eintrug. Dem Umzug folgte anschliessend im Hotel Drei Könige (seit
einigen Jahren in der Safranzunft) der
"Guggeball", ein Maskenball mit Wahl der "Jumpfere
Gugge" (Maskenprämierung). Dem Beispiel der "46er Guggemuusig" folgten
andere Guggenmusiken, indem sie am
Dienstagabend ebenfalls Platzkonzerte gaben.
Der Berichterstatter meldet 1950 von Menschenmassen, die von den Darbietungen
auf dem Barfüsserplatz nicht genug
bekommen konnten. 1952 verfügte die Polizei
erstmals eine Innerstadt-Sperrung für den gesamten Fahrverkehr (mit
Ausnahme des Trams), und ab 1954 wird auch der
Tramverkehr für die Dauer des Konzertes
(ab 20.15 Uhr) umgeleitet. Inzwischen konstituierte sich am 19. Februar
1951 die Gugge-lG, die Interessengemeinschaft
fasnächtlicher Guggenmusiken, um gemeinsame
Interessen der neun damals bestehenden Guggenmusiken besser zu vertreten.
Dazu gehörte etwa das Problem der
Bettelei von Guggenmusikanten, aber auch das
damals bestehende Verbot eines Musizierens in der Stadt nach der Rückkehr
vom nach Fasnächtlichen Bummel.
Letzteres wurde als Diskriminierung gegenüber
den Trommler- und Pfeifer-Cliquen aufgefasst. Man organisierte deswegen
einen Protestzug mit Trauerflor an den
Blasinstrumenten und mit Schlaginstrumenten aller
Arten, da ja Trommeln gestattet war. Nachdem den Guggenmusiken später
ein "Schränzen" am 1. und 2.
Bummelsonntag zugestanden wurde, erlaubte man
ihnen ab 1962 das Musizieren auch am 3. und letzten Bummelsonntag. Die
Guggenmusiken brachten es fertig, den
Dienstag zu einem vollwertigen dritten Fasnachtstag
werden zu lassen. Bereits 1959 wurde bemerkt, dass am Dienstagabend mehr
Leute in der Stadt seien als am
Montagabend, und 1960 festgehalten, dass am Dienstagabend
auffallenderweise auch immer mehr Trommler und Pfeifer "auf die Gasse kommen".
Im Jahr darauf
befürchtete ein Journalist sogar die Entstehung
eines dritten Umzugtages, so "dass wir dann noch ein drittes Mal fünf
Stunden lang am Steinebärg d'Bai in Buuch yne
stoh mien! Nai! Merci!" Jüngst war der Vorschlag,
am Dienstagnachmittag einen Cortege der Guggen zu schaffen, um so die beiden
anderen Tage annähernd
"guggenfrei" zu halten, wieder in einem Leserbrief
zu lesen.
Gescheiterte Innovation
Die Guggenmusiken zeichnen sich durch ihr Bemühen
aus, Neues in die Basler Fasnacht einzubringen. Beim "Guggezyschtig" war
die kluge Bereitschaft, ein
Platzkonzert als Neuerung zu tolerieren, vorhanden.
Ebenso hat niemand etwas einzuwenden gegen ein "Kinder-Guggenkonzert" mit
Mini-Cortege, das seit wenigen
Jahren von einer Guggenmusik organisiert wird.
Als "neie Mänz" (Flausen), "well's der gueti Basler steert" (stört),
bezeichnete das Fasnachts-Comite den Versuch der
Gugge-IG, am Donnerstagmorgen die Fasnacht in
ein "Cachot" (Gefängnis) zusperren. In einer Replik wollte die "Basler
Gugge-Zunft" von dieser Kritik allerdings nichts
wissen, da dieser Fasnachtsabschluss beim Volk
gut angekommen sei. Sie laden das Comite ein, sich im nächsten Jahr
selber davon zu überzeugen. Trotzdem hören wir
später nichts mehr von dieser Art "Fasnachtsbeerdigung"
.
Das Wort "Guggenmusik"
Der Begriff taucht erstmals 1906 auf. Er scheint
damals sofort verstanden worden zu sein, denn niemand stellte die Frage,
was denn eine Guggenmusik wirklich sei und -
vor allem - was eine "Gugge" mit der Musik zu
tun habe. In Basel und im benachbarten Südbaden versteht man nämlich
darunter einen "Briefsack", eine Papiertüte. Sie
hatte früher meist eine konische Form und
erinnert an ein Blashorns. Haben die ersten Guggenmusikanten in Papiertüten
geblasen? Der Journalist Hans Schneider, in der
deutschen Nachbarschaft von Basel aufgewachsen,
meinte in einer Kolumne, dass das Wort daher komme, "wilme als Chinder
gärn in Gugge blose het". Dass man
damit einen Lärmerzeugen kann, zeigte vor
einigen Jahren die "46er Guggemuusig" als Gag auf ihrem Dienstagszug. Ist
wegen dieser Art von Instrumenten oft auch die
Rede von "improvisierten Musiken"? Dass Guggenmusikanten
als Geräuscherzeuger oft die unglaublichsten Dinge verwenden, dürfte
bekannt sein. Merkwürdige Geräte
muss auch jene Musik 1932 verwendet haben, von
der es heisst, man habe "mindestens eine Hupe deutlich" herausgehört.
Während am Morgenstreich 1938
Guggenmusiken gesehen wurden, die "nicht nur
mit Kartoninstrumenten" bestückt waren, lesen wir 1953 in einer Reportage:
"Wenn man d'Guggemuusig Pumperniggel
aufmerksam betrachtet, so ist man über die
ungewöhnliche Instrumentierung erstaunt ... Blech, nichts als Blech,
sogar verbogenes"! Es sei auch erwähnt, dass man den
Diminutiv von "Gugge", also "Güggli", in
Liestal für ein schlecht tönendes Kindertrompetchen kennt, wie
man sie z.B. auf dem Markt kaufen kann. Als "Güggi" wird im
Baselbiet ausserdem ein "Schreihals, Lärmer;
schlechter Trompeter" bezeichnet. In einer anderen Richtung zielt die Namendeutung
von Hans Dürst, der eine einstige
Maskierung der Musik mit bemalten Papiertüten
vermutete. Eine Herleitung von dieser Vermummungsform, die bei der Kinderfasnacht
noch heute lebendig ist, wäre
durchaus denkbar, etwa im Falle, dass die erste
Guggenmusik so aufgetreten ist und dann den Namen, aber nicht die Sache
beibehalten hat. Persönlich neige ich jedoch
zur Auffassung, dass die Instrumentierung der
Musik zu ihrem Namen verholfen hat.
Instrumentierung und Repertoire
Wie eine Guggenmusik genau, d. h. wie "falsch"
sie zu spielen hat, ist eine Frage, bei der die Meinungen nicht nur zwischen
Basel und den andern "Guggenhochburgen"
unseres Landes, sondern auch in Basel seit langem
auseinandergehen. Da lesen wir die Klage, dass in einer Guggenmusik zehn
bis fünfzehn Mann überhaupt kein
Instrument spielen und deshalb nicht mehr an
die Fasnacht gehören, dort wird gemeldet, dass die Guggenmusiken zum
Teil fast zu gut gewesen sind. Es waren weit mehr
Musikvereine als Guggemuusigen. Häufig begegnet
man auch dem Hinweis, dass die Guggenmusiken noch bis nach dem Zweiten
Weltkrieg oft sehr kleine Formationen
waren. Etwa in folgender Impression über
"Bubenzüglein" am Dienstagnachmittag: "Die fidelsten 'Kinder' waren
- Grosse: Ein paar Männer, die sich in älteste Fetzen
gehüllt hatten und zu einem Blechbüchsen-Getschätter,
zu den mysteriösen Klängen zweier Zithern und einer Trompete
das Kleinbasel zum Lachen brachten". Ich habe
oben schon auf die improvisierte Instrumentierung
hingewiesen, die aus den verschiedensten Dingen bestehen kann. Gewisse
Musiken richten bis heute ihr besonderes
Augenmerk auf ein Überwiegen von selbstgebastelten
oder immerhin verbeulten Musikinstrumenten. Gerade für letztere besteht
seit langem ein besonderer Markt.
Schon für die dreissiger Jahre sind Musikalienhändler
bekannt, die alte Instrumente für die Fasnacht ausleihen. Zum Repertoire
haben wir für die Zeit vor dem 2.
Weltkrieg leider nichts Konkretes, wenn wir vom
früher erwähnten Chopin-Trauermarsch und dem Zapfenstreich absehen.
Aufgrund der Gruppenbezeichnungen und
der Sujetangaben darf aber für die zwanziger
und dreissiger Jahre angenommen werden, dass auch Jazz-Musik zur Darbietung
kam. Aus dem Jazz und aus der
Schlagerwelt stammen auch viele Stücke,
welche die Guggenmusiken seit 1946 spielen, wie "When the saints go marchin'
in","Sam-Sam, Tam-Tam", "Ein Schiff wird
kommen" oder "Annemarie", um einige ältere
Titel zu nennen. Auch aus dem Volksliedschatz wird geschöpft: "Z Basel
am mym Rhy", "Alle Vögel sind schon da" und
"Im Aargau sind zwei Liebi". 1967 umfasste das
Repertoire ca. 30 bis 35 Titel, und zwar französische Fanfarenmärsche,
sonstige Märsche und Schlager, aber
ausdrücklich keine Kirchen- und Vaterlandslieder.
"Gute" Guggenmusiken, das sind Gruppen, die anspruchsvolle Stücke
"gekonnt falsch" spielen, haben heute gegen 70
Titel im Repertoire, wobei ein Schlager wie "Mir
sinn mit em Velo do/Glorylands als eher bescheidenes Stück von einer
Guggenmusik höchstens einmal "zum Ausruhen"
gespielt werden.
Trommler und Pfeifer als Guggenmusiker
Es wurde bereits erwähnt, dass die zwei prominenten
Guggenmusiken "Jeisy Migger-Guggemuusig" und "46er Guggemuusig" von Cliquenfasnächtlern
gegründet wurden,
die am Dienstag auf eine andere Art Fasnacht
machen wollten. Ähnliches ist auch von anderen Formationen zusagen.
So zirkulierte am "stillen Dienstag" ab etwa 1935
ein Zug mit Trommeln, Pfeifen, Trompeten und
Blechkesseln durch die Altstadt, zusammengesetzt aus Mitgliedern der renommierten
"Basler Mittwoch-Gesellschaft",
und 1938 und 1939 zogen Mitglieder der Olympia
als Guggenmusik durch die stillen Gassen. Zwei Gründe, wie ein guter
Fasnächtler plötzlich Guggenmusiker werden
kann, führt Robert B. Christ (Fridolin)
in einem Zeitungsartikel 1949 an: Zum einen sei die Stadt zu gross geworden,
um noch intrigieren zu können, und zum andern sei
mancher "nur noch mit drei Vierteln seines Fasnachtsherzens
bei der Clique, wo ihm Sujet, Kostüm, Laune, Märsche und Marschroute
ordnend vorgeschrieben sind",
doch "die Fasnacht will heraus, und sie will
spielen". Zwei der insgesamt 13 Guggenmusiken, die 1967 die IG-Gugge bildeten,
waren durch Cliquen-Angehörige gegründet
worden. Je eine weitere Guggenmusik wurde ins
Leben gerufen durch Stammgäste einer Wirtschaft, durch Schulkollegen
und durch Quartierkollegen, während vier
anderen Guggenmusiken von Sportvereinen resp.
einer Pfadfinderabteilung gegründet wurden. Einmal werden auch "einige
handfeste Glaibasler Fasnächtler" genannt.
Zwei Musiken entstanden durch Abspaltung, und
eine setzte sich schliesslich aus Leuten zusammen, die vor allem auf dem
Inseratenweg gesucht worden waren. Von
diesen 13 Guggenmusiken dürfen zwei auf
eine Entstehung vor dem Zweiten Weltkrieg zurückblicken: "Negro-Rhygass"
(1927, neu gegr. 1948 und 1958; immer gleicher
Initiant) und "Orginal-Chnulleri" (1936). Die
Entstehungsgeschichten dieser IG-Guggenmusiken zeigen ungefähr alle
klassischen Fälle. Bezüglich der Integration von
Zuzügern spielen die Guggenmusiken keine
unwesentliche Rolle. Der Beitritt zu einer Guggenmusik ermöglicht
ihnen, sofern sie nicht Trommel und Piccolo spielen
können, aktiv an der Fasnacht teilzunehmen.
Wohl eher als bei Cliquen dürfen auch beide Geschlechter in der gleichen
Musik mitmachen und den "Plausch" haben.
Basel als Innovationszentrum
Wie wir gesehen haben, sind für Basel Guggenmusiken
bereits um 1900 bezeugt. Die Stadt am Rheinknie ist also Ursprungsort der
"Guggenmusik-bewegung", die
inzwischen Landes- und Sprachgrenzen überschritten
hat. Allerdings wurden teilweise auch andere Lärmformationen mit der
jüngeren Guggenmusik verschmolzen oder
leben in Koexistenz mit ihr. Es soll hier nicht
noch eine Geschichte des Guggenmusikwesens des ganzen Landes angeregt werden.
Immerhin sei darauf hingewiesen,
dass z.B. in Luzern, Zürich und Solothurn
direkt und/oder indirekt Basler Guggenmusiken imitiert wurden. In Luzem,
wo 1948 eine Basler Formation am Fritschi-Umzug
teilnahm, wurde noch an der gleichen Fasnacht
eine Gruppe auf Initiative des in Luzern wohnhaften Baslers Sepp Ebinger
gegründet. Diese Musik nahm im Jahr darauf
an der Zürcher Fasnacht teil, wo bereits
1948 durch zwei Basler Originale, Lucca und Wiesely, eine Guggenmusik improvisiert
worden war. In Solothurn schliesslich, wo
eine "Chesslete" schon lange den Fasnachtsbeginn
bildet, liess sich 1949 der Obmann einer Fasnachtszunft an der Basler Fasnacht
inspirieren und gründete mit den
Zunftmitgliedern kurz darauf die erste Solothurner
Guggenmusik. Auch diese und selbstverständlich noch weitere Orte wurden
rasch zu Innovationszentren, vornehmlich
für ihre jeweilige Region. Durch die rege
Reisetätigkeit, verbunden mit der Teilnahme an auswärtigen Fasnachtsveranstaltungen,
ist die Guggenmusik als fasnächtliche
Unterhaltungsform längst in allen umliegenden
Staaten bekannt und beliebt und findet sogar Nachahmung, wie die 1975 in
Offenburg gegründete Guggenmusik beweist.
© Olly Klassen