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2. Die Belairs

Davon einmal abgesehen, daß sie die erste Surfmusiksingle überhaupt herausbrachten, unterschied sich die Geschichte der Belairs nicht wesentlich von der Geschichte anderer Surfbands. Die Belairs waren einfach kalifornische Teenager, die eine Band gründeten und, na ja, nennen wir es einmal so, zu Tanzvergnügungen aufspielten. Sie waren weder besonders rebellisch noch sonst irgendwie auffällig, außer daß sie eben in einer Band spielten.

Den Kern der Belairs bildeten die beiden Gitarristen Paul Johnson und Eddy Bertrand. Beide hatten Ende der fünfziger Jahre begonnen, sich für Musik zu interessieren, instrumentale Rockmusik, um genau zu sein. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, alle instrumentale Rockmusik dieser Zeit sei Surfmusik. Instrumentaler Rock'n'Roll ist so alt wie Rock'n'Roll selbst.

Und so hörten Paul und Eddy die Musik von Johnny and the Hurricanes, den Fireballs und natürlich von Duane Eddy. Wer sich unter den Namen nichts vorstellen kann, hier sind Johnny and the Hurricanes:

Musikbeispiel:

Ausschnitt aus Johnny and the Hurricanes, Red River Rock mit der Gitarrenbridge

Inspiriert von derartigem Material übten sie fleißig und begannen als Gitarrenduo aufzutreten. Irgendwann beschlossen sie, das Duo zu einer Band zu erweitern und heuerten zwei weitere Musiker aus ihrer Schule an, den Drummer der Schulbigband, Richard Delvy und den Klarinettisten Chaz Stuart. Und es stellte sich als Heidenarbeit heraus, dem Jazzdrummer einen soliden Rockbeat einzubleuen und aus dem Klarinettisten einen groovy Saxophonisten zu machen. Ergänzt wurde das Quartett dann schließlich durch den Pianisten Jim Roberts.

Als Paul Johnson mit Chaz Stuart eines Nachmittags im Sommer 1961 über den Sunset Boulevard bummelt, stechen ihnen die United Recording Studios ins Auge. Sie betreten das Gebäude und erkundigen sich wegen Aufnahmen. Und nein, es geschieht kein Wunder, niemand bittet sie zu Probeaufnahmen oder ähnlichem, vielmehr erhalten sie die Auskunft, daß sie als nicht gewerkschaftlich organisierte Musiker hier sowieso nicht aufgenommen würden. Aber die Idee ist da, und ein paar Straßen weiter finden sie einen kleinen Laden, Liberty Recording Studios, wo sie sich nach den Modalitäten für eine Aufnahme erkundigen. Und noch auf der Heimfahrt halten sie an einer Telefonzelle an und buchen das Studio für eine Stunde am nächsten Samstag.

Der Rest der Woche heißt für die Band üben, üben, üben. Und als sie dann am Samstag das Studio um 32 Dollar ärmer und mit ihren Bändern unter dem Arm verließen, sind sie überglücklich. Wer wäre das nicht, wenn er mit gerade einmal vierzehn Jahren in einer Stunde fünf Stücke eingespielt hätte, darunter das folgende:

Musikbeispiel:

The Belairs, Kamikaze

Aufnahmen allein machen aber noch keine Platte, und so klappern sie mit ihren Bändern alle möglichen Plattenlabels ab, um ihre Musik an den Mann zu bringen. Und den Mann finden sie dann, nach einer Reihe von Absagen, beim kleinen Arvee-Label in Gestalt von Sonny Bono, der die Bänder neu abmischt und Mr. Moto als Single herausbringt. Doch der Verkauf ist schleppend, da Arvee keine Werbung macht; erst als die Belairs die Promotion selbst in die Hand nehmen kommt Bewegung in die Verkäufe. Beim Radiosender KRLA wurden jeden Tag die Top-Ten einer anderen Highschool in der Gegend gespielt, und da die Belairs inzwischen recht häufig auf Schulfesten und ähnlichem auftraten, landete Mr. Moto gelegentlich auf einer solchen Liste. Paul Johnson ging noch einen Schritt weiter und schickte dem Sender eine gefälschte Liste seiner Schule zu, bei der er Mr. Moto auf Platz 1 gesetzt hatte. Aufgrund dessen übernahm der Sender den Titel schließlich auf seine Playlist, größere Sender zogen nach, worauf Mr. Moto endlich in den Top Twenty landete.

Daran zerbrach dann die Band. Der Drummer Richard Delvy verließ die Belairs, weil er meinte, daß ihm als Manager ein größerer Anteil an den Verkaufserlösen der Platte zustünde als dem Rest. Er gründete mit anderen Musikern die Challengers. Wenig später ging Eddie Bertrand zusammen mit dem neuen Drummer Dick Dodd, weil er sich mit Paul Johnson über den Gitarren-Sound zerstritten hatte. Eddie wollte eher den neuen Sound, wie ihn Dick Dale entwickelt hatte, übernehmen, während Paul am traditionellen Klang der Belairs festhielt. Eddies neue Band, die Showmen, sollten dann in der Folge zu einer er erfolgreichsten Livebands der Surfmusikszene überhaupt werden. Die Belairs hingegen konnten mit neuem Lineup nicht mehr an den alten Erfolg anknüpfen. Das "nasse" Echo Dick Dales war inzwischen Pflicht, nicht mehr Kür, und so erinnert wenig am Sound der Showmen an ihre Herkunft von den Belairs:

Musikbeispiel:

Eddie and the Showmen, Mr. Rebel

Damit will ich meine kurze Vorstellung einer "typischen Surfband" abschließen. Surfmusik ist Teenager-Musik, sie ist von Teenagern für Teenager gemacht. Das jugendliche Alter der Belairs ist dabei keineswegs eine Seltenheit. Die meisten Surfmusiker waren noch in der Highschool oder waren eben auf's College gekommen. Recordverdächtig in dieser Hinsicht sind die New Dimensions, die gerade einmal 13 Jahre alt waren, als sie ihre erste Platte einspielten. Eine Ausnahme ist also eher so jemand wie Dick Dale, der sich schon mit wenig Erfolg als Countrymusiker betätigt hatte, bevor er zum King of the Surfguitar wurde; ganz zu schweigen von den ganzen Studiomusikern, die auf das Surfbrett aufsprangen, als sich damit Geld verdienen ließ.

Und Surfmusik war vor allem Livemusik; die Belairs etwa veröffentlichten zwischen 1961 und '63 gerade einmal vier Singles, Eddie and the Showmen fünf Singles. Oder, um ein ganz extremes Beispiel zu nennen: Von Kathy Marshall, der Queen of the Surf Guitar ist überhaupt nichts überliefert. Die Platten hatten eher den Zweck, die Liveauftritte zu promoten, nicht umgekehrt. Wenn die Platten in die Charts kamen, dann höchstens in die lokalen kalifornischen, nur sehr selten in die nationalen. Die einzigen wirklich erfolgreichen Surftitel waren Pipeline von den Chantays und Wipe Out! von den Surfaris. Dick Dale etwa erreichte nie mehr als Platz 60 in den Billboard Charts.

Doch Steve Otfinoski schreibt in seinem Standardwerk über instrumentale Rockmusik zurecht:

"Aber schließlich ging es bei Surfmusik, anders als bei so vielen künstlich produzierten Rockmusik-Bewegungen der 50er und 60er nicht wirklich um Hitplatten. Es ging um Kids, die eine Tanz namens The Stomp in abgewrackten Strandclubs einen Steinwurf vom Ozean entfernt aufführten. Es ging um wilde Männer wie Dick Dale, die ihr Plektrum zu Konfetti zerschredderten, wenn sie die Saiten ihrer Stratocaster zum Glühen brachten. [ \ldots] Die Ungezähmtheit der Surfmusik und ihr Geist der Freiheit, erlaubte es den Ausführenden, ihrer Musik jeden Stil zu inkorporieren, von twangy guitars zu Country und Western, von Rhythm & Blues zur Musik des Nahen Ostens. Instrumentale Surfmusik war, als Bewegung von unten mit eklektischem Repertoire und oft genug zügellosem Bühnenverhalten Vorläufer der Garagenbands, von Punk und Grunge."
Steve Otfinoski, The Golden Age of Rock Instrumentals, New York 1997, S.122.

Und trotz der ausbleibenden Charterfolge verbreitete sich der Surfmusikvirus über die ganze Welt. Die sowieso nicht besonders enge Verbindung von Wellenreiten und Surfmusik löste sich auf, als überall auf der Welt junge Menschen zur Gitarre griffen, ob nun ein Ozean in der Nähe war oder nicht. In der DDR etwa nahm das Franke Echo Quintet, benannt nach dem realsozialistischen Äquivalent zum Fender Reverb, seine Melodie für Barbara auf:

Musikbeispiel:

Franke Echo Quintet: Melodie für Barbara

An dieser Stelle ist es vielleicht ganz angebracht, eine kleine Vorschau auf den weiteren Verlauf des Vortrags zu geben. Zunächst werde ich einiges über die Vorgeschichte der Surfmusik erzählen. Dann werden wir uns der eigentlichen Frage des Vortrags "Was ist Surfmusik?" zuwenden. Ich werde zunächst einmal eine Reihe problematischer Versuche, diese Frage zu beantworten, vorstellen. Dann wird es einen recht umfassenden erkenntnistheoretischen Exkurs geben, und am Schluß werde ich versuchen, die Idee von Surfmusik sichtbar zu machen.


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