Ich hoffe, mit dem, was ich bisher ausgeführt und vorgespielt habe, einen gewissen Eindruck von Surfmusik und auch des historischen Kontextes, in dem Surfmusik steht, vermittelt zu haben. Auf dieser Grundlage müssen wir uns nun die eigentliche Frage dieses Vortrags stellen: "Was ist Surfmusik?"
Auf diese Frage gibt es eine ganze Reihe von Antworten, die aber, wie wir gleich sehen werden, zumeist problematisch, oft genug auch falsch sind. Der legendäre Surf-DJ Phil Dirt hat sich die Mühe gemacht, die gängigen Vorstellungen zu sammeln und in einem ausgezeichneten Text mit dem Titel "What is Surf?" zu kommentieren.
So interessant wie der Inhalt ist die Form, in die Phil Dirt seine Auseinandersetzung mit dem Thema kleidet. Entsprechend seiner Rolle als Hoher Priester des Surfs gibt er nämlich seinem Artikel die Form eines Katechismus. Er stellt fünf zentrale Fragen, die er dann ausführlich, mit vielen Beispielen beantwortet. Ich will im folgenden diese Fragen referieren und, zumindest in Kurzform, auch Dirts Antworten.
Der Artikel heißt: What is Surf? und kann unter der Internetadresse http://www.spies.com/reverb/central.html
gefunden werden. Ich habe im folgenden die Reihenfolge von Dirts Katechismus
etwas verändert.
Die erste Frage ist die nach dem Titel. Eine sehr einfache und brauchbare Definition von Surfmusik wäre es, wenn wir sagen könnten, daß ein Song genau dann ein Surfstück ist, wenn es einen Titel trägt, der sich auf's Surfen bezieht. In der Form des Katechismus gestellt: Ist ein Song mit einem Surftitel ein Surfstück? Und: Kann ein Song ohne einen Surftitel ein Surfstück sein? Die erste Frage wird von Dirt mit einem entschiedenen Nein, die zweite mit einem entschiedenen Ja beantwortet. Der Titel eines Stückes ist Schall und Rauch. Es gibt Dutzende unbestreitbarer Surfsongs, deren Titel sich überhaupt nicht auf's Surfen bezieht und umgekehrt. Weder Misirlou noch Mr. Moto tragen den Surf im Titel, dabei sind es die zwei Klassiker schlechthin. Henry Mancinis Banzai Pipeline hingegen ist, trotzdem des Bezugs auf eine beliebte Surfstelle an der Nordküste von Oahu, mitnichten ein Surfstück.
Ebensowenig ist es von Belang, ob irgendwelche Surfer an einem Stück beteiligt waren oder nicht. Auf den Fragenkomplex: Wie sind Surfer in Surfmusik involviert? Macht es einen Song zu Surfmusik, wenn er von einem Surfer gespielt wird? Ist ein Song ein Surfstück, wenn ein Surfer ihn mag? Ist es ein Surfsong, wenn es dich zum Surfen animiert? - auf diesen Fragenkomplex gibt Phil Dirt eine ebenso klare Antwort wie auf die Frage nach den Titeln: Es gibt keinen Zusammenhang, außer vielleicht historisch, bei der Entstehung, weil Surfer das erste Publikum der sogenannten Surfmusik waren. Wir werden später diese Antwort Dirts in gewissem Sinn zurechtrücken müssen, da es durchaus einen Zusammenhang zwischen der Surfmusik und dem Surfen gibt. Doch ich will nicht vorgreifen.
Schwieriger ist schon die Frage, ob ein Stück, das kein Surfstück ist, dann, wenn es von einer Surfband gecovert wird, zu einem Surfstück wird. Auch hier fällt Dirts Antwort eindeutig aus: Es ist das Arrangement, nicht der Song, der entscheidet, ob es ein Surfstück ist oder nicht. Ghostriders in the Sky ist und bleibt ein Country-Song, trotz der Surfinterpretation von Dick Dale. Auch hier werden wir später noch Modifikationen anbringen müssen: Es ist nicht ganz zufällig, welche Stücke als Surfstücke gecovert werden.
Damit sind die einfachen Fragen des Dirtschen Katechismus abgehandelt. Es folgen die beiden komplizierten Fragen, die dann auch, wenn man sich die Antworten ansieht, eigentlich zusammengehören. Zum einen ist das die Frage: "Reichen Wurzeln in der Surfmusik aus, damit es Surfmusik bleibt, beziehungsweise: wann überschreitet eine Band die Grenzen?" Und die andere Frage lautet: "Was ist mit den Ventures, den Fireballs und den Shadows, mit Laika & the Cosmonauts und mit Los Straitjackets? Wenn niemand singt und der Sound irgendwie so ähnlich ist, handelt es sich um eine Surfband?"
Präziser lassen sich diese Fragen in einer zusammenfassen, nämlich in "Wo sind die Grenzen der Surfmusik?", wobei diese Frage sowohl historisch wie musikalisch gefaßt werden muß. In historischer Hinsicht ist dabei Dirts Antwort von erfrischender Klarheit: Die Ventures, die Fireballs oder die Shadows sind ganz einfach keine Surfbands, weil sie Vorläufer waren. Ihre Musik enthält Elemente, die später für die Surfmusik eine entscheidende Rolle spielen sollten, aber sie sind eben Vorläufer und nicht die Sache selbst. Johannes ist nicht Christus. Und als, "irgend ein rotznäsiger siebzehnjähriger Surfpunk ausrief: "Es werde Surf"" (Phil Dirt), veränderte sich dadurch nicht mit einem Mal die Musikgeschichte.
Diese wünschenswerte Eindeutigkeit, die die Vorläufer klar von der Sache selbst unterscheidet, ist deshalb so wichtig, weil zumindest in den akademischen Kunstwissenschaften immer noch die Unsitte grassiert, aus den Vorläufern, Wurzeln, Quellen, Einflüssen etc., das Kunstwerk selbst "erklären" zu wollen. Das Verstörende an der Geschichte der Musik, der Literatur, der Bildenden Kunst ist es ja gerade, daß sie sich nicht stetig und gemächlich entwickelt, sondern daß das Neue explosionsartig auftritt, und die ersten Exemplare eines Stils, einer neuen künstlerischen Gattung oft die besten sind. Es gibt in der Kunst keinen stetigen, evolutionären Fluß; was wir in der politischen Geschichte erträumen, die permanente Revolution, in der Geschichte der Kunst ist sie real.
Die Kenntnis der Vorgeschichte ist für das Verständnis natürlich nicht unerheblich; ich habe vorhin nicht umsonst weit ausgeholt. Mindestens so wesentlich jedoch wie die Kenntnis der Vorläufer ist die Einsicht in den absoluten Bruch, den die Surfmusik von ihrer Vorgeschichte trennt. Doch damit ist erst ein kleiner Bereich der Frage nach den Grenzen der Surfmusik abgedeckt. Denn es stellt sich nicht nur die Frage: "Ab wann ist es Surfmusik?", sondern auch die Frage: "Wie lange ist es Surfmusik?", also wann definitiv die Grenze überschritten ist, ab der es keine Surfmusik mehr ist. Daß Surfmusik sich, trotz ihrer zeitweisen Totenstarre zwischen 1965 und 1980, weiterentwickelt hat, ist keine Frage. Aber wo zieht man die Grenze? Kann man diese Grenze überhaupt ziehen?
Nehmen wir Mr. Moto in der Version von Agent Orange, die ich zu Beginn dieses Vortrags angespielt habe. Das Stück selbst ist ein absoluter Surfklassiker, aber in der Version von Agent Orange ist es ohne jeden Zweifel kein Surfstück, es ist Punk. Und ein auf's erste Anhören untrügliches Argument dafür wäre der heftige Gebrauch der verzerrten Gitarre, ein der Surfmusik eigentlich wesensfremdes Element, das aber das ganze Stück dominiert. Doch hören wir uns das folgende Musikbeispiel an:
Robert Johnson & Punchdrunks: Stuck in Tunesia
Der verzerrte Gitarrensound ist bei Stuck in Tunesia von Robert Johnson & Punchdrunks sicherlich noch heftiger als bei Agent Orange; und doch, trotz der über 30 Jahre und der musikalischen Welten, die zwischen dem Stück der Skandinavier und den klassischen Surfaufnahmen der frühen 60er liegen, ist das Stück klar als Surfstück zu identifizieren. Wo ist also die Grenze?
Wir könnten nun tatsächlich in die Tiefe musikalischer Strukturen abtauchen und spezifische Formelemente von Surfmusik herausarbeiten. Phil Dirt etwa führt als drei essentielle Elemente Echo, Glissando und "double picking", den Doppelschlag mit dem Plektrum auf einem Ton an. Er benutzt dies als Argument, warum die Shadows keine Surfband seien. Aber Mr. Moto weist auch keines dieser drei Elemente auf. Sind die Belairs also ebenfalls keine Surfband? Eine derartige Herangehensweise würde voraussetzen, daß man einen Katalog von, sagen wir einmal, 15 Formelementen aufstellt, von denen dann mindestens 8 erfüllt sein müssen, damit man von einem Surfstück sprechen kann. Allein schon die Absurdität dieser Vorstellung zeigt zur Genüge, daß man so nicht weiterkommt.
Phil Dirt schließt dann auch seinen Artikel mit den Worten:
"So, jetzt sind wir alle klassischen und nicht so klassischen Definitionen durchgegangen und haben unbezweifelbare Surfsongs gefunden, die nicht passen. [ \ldots] Wo ist also die Linie, die man nicht überschreiten darf? Was ist Surf? Und die Antwort ist\ldots es hängt vom Deinem Standpunkt ab. Du wirst Klassifizierungen auf meiner homepage finden, mit der Du nicht übereinstimmst, sowohl was Surf ist wie auch was nicht. Das heißt mitnichten, daß Du recht hast und ich nicht oder umgekehrt, sondern vielmehr, daß wir unterschiedliche Blickwinkel haben. Meine Klassifizierungen basieren auf meinem Geschmack und meinen Empfindlichkeiten, genauso wie Deine. Ich gründe eine Menge auf mein historisches Wissen und meine Einblicke, aber selbst damit, und das geht persönlich bis 1961 zurück, was Surf betrifft und bis 1955 mit Rock, ernte ich gelegentlich Widerspruch von anerkannten Größen der Surfmusikgeschichtsschreibung wie John Blair und Robert Dalley. [ \ldots]Diese Überlegungen haben keinen missionarischen Zweck. Es ging darum, Fragen aufzuwerfen, die uns beiden auf unserem Weg bei der Suche nach dem Echo helfen. Wenn für Dich Dolly Parton Surf ist, weil Du, während Du in Malibu in den Sand beißt, ihren überlegenen Auftrieb anerkennst, dann ist sie für Dich Surf. Und ich werde Dein Recht darauf, Unrecht zu haben, verteidigen, weil das nun mal der Amerikanische Weg ist!"
Natürlich kann man sich, wie Dirt, mit Ironie aus der Affäre ziehen, rhetorisch den bloß subjektiven Charakter der eigenen Klassifizierungen einbekennen und insgeheim doch wissen, daß man Recht hat. Aber das ändert letztlich nichts am Problem. Was Surf ist, kann keine Frage willkürlich subjektiver Definitionen sein. Und trotzdem ist selbst ein absoluter Kenner wie Phil Dirt, der auch keineswegs auf's Maul gefallen ist, nicht in der Lage, mit der nötigen Klarheit und Deutlichkeit zu sagen, was Surf ist. Statt uns weiter mit den Antworten auf diese Frage herumzuquälen, ist es vielleicht ganz sinnvoll, sich die Frage selbst genauer anzusehen.