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5. Der Begriff

5.1 Was ist ein Begriff?

Wenn wir uns im folgenden daranmachen, die Frage "Was ist Surfmusik?" selbst zu interpretieren, dann ist klar: nun ist Schluß mit lustig, jetzt wird es philosophisch. Fragen wir uns zunächst also einmal, wonach diese Frage überhaupt fragt.

Wir haben eben, bei unseren wenig ergiebigen Versuchen, die Frage zu beantworten, diese ganz naiv aufgefaßt, so wie man eben fragt: "Was ist ein Stuhl?" Diese Frage würde man vielleicht folgendermaßen beantworten: Ein Möbelstück mit Beinen, einer Lehne und einer Sitzfläche. Diese Antwort entspricht, ihrer Form nach, einer Definition von Surfmusik, die lauten könnte: Ein instrumentales Rockstück, das sich durch Echo auf der Leadgitarre, Glissandi und double picking auszeichnet. Im einen wie im anderen Fall ist die Definition natürlich ungenügend. Unsere Definition eines Stuhls würde auch auf einen Sessel passen, und so müßten wir sie durch dieses oder jenes Kriterium verfeinern, etwa daß keine Armlehnen vorhanden sind und daß das Möbel nicht gepolstert ist.

Einmal ganz davon abgesehen, daß beide Definitionen von einem Allgemeinbegriff ("Möbelstück" oder "instrumentales Rockstück") ausgehen, der selbst wieder definiert werden müßte.

Man könnte nun versuchen, mit anderen Definitionsstrategien diesem Problem zu begegnen, etwa indem man den Begriff funktional versucht zu definieren oder historisch. Doch all das wird nichts daran ändern, daß zwischen dem Begriff und den Gegenständen, die er versucht zu beschreiben, sich eine Kluft öffnet, die in der Tat nicht zu schließen ist.

Doch wir brauchen uns gar nicht unnötig verrenken, denn der Witz ist, daß die Kluft zwischen Begriff und Sache so gar kein Problem ist, ganz im Gegenteil. Denn diese Differenz ist überhaupt die Grundbedingung von Erkenntnis. Gerade weil wir die Erfahrung machen, daß ein konkreter Gegenstand mit dem allgemeinen Begriff nicht übereinstimmt, erweitern wir unsere Kenntnis der Welt. Wir sehen (oder fühlen oder hören oder schmecken) etwas, das wir nicht erwartet hätten, etwas, das unseren Vorstellungen widerspricht, und diese Erfahrung modifiziert den Begriff, den wir uns von der Sache gemacht haben. Unser Begriff wird reicher, erfahrungsgesättigter, ohne daß dadurch die unüberbrückbare Kluft, die den Begriff von der Sache trennt, überschritten würde.

Etwas ähnliches ereignet sich in der Kommunikation. Der Begriff ist, seiner ganzen Form nach, nicht starr, sondern wandelt sich mit der Erfahrung. In den Begriff geht ganz grundlegend die persönliche Geschichte mit ein. Und so haben alle Individuen unterschiedliche Begriffe, wenn sie scheinbar von der selben Sache reden. Manche von euch hatten sicherlich nur einen sehr vagen Begriff von Surfmusik, als sie hier zum Vortrag erschienen, andere wiederum sehr genaue. Und bei den einen ist der Begriff inzwischen etwas differenzierter geworden, während den anderen schon die ersten Widersprüche auf der Zunge liegen.

Diese Differenz zwischen den unterschiedlichen Begriffen der unterschiedlichen Individuen ist aber ebensowenig ein Manko wie die Differenz zwischen Begriff und Sache; vielmehr macht diese Differenz überhaupt erst Kommunikation möglich. Um ein naheliegendes Beispiel aufzugreifen: Nur weil wir unterschiedliche Begriffe von Surfmusik haben, vage und präzise, zutreffende und vollkommen danebenliegende, mit Erfahrung gesättigte oder durch keinerlei Hören getrübte, nur weil wir so unterschiedliche Begriffe haben, sitzen wir hier überhaupt zusammen, reden über Surfmusik und gehen alle hoffentlich am Ende etwas klüger nach Hause.

Zusammengenommen heißt das, daß der Begriff nicht starr ist, sondern sich historisch wandelt. In der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und in Auseinandersetzung über den Gegenstand erhält der Begriff eine historisch-gesellschaftliche Dimension, die ihm wesentlich ist. Und es ist genau diese historisch-gesellschaftliche Wandlungsfähigkeit, die den Begriff zum Medium der Erkenntnis und des Fortschritts macht.

5.2 Verhärtung des Begriffs gegen die Erfahrung

Nach diesem ganzen Lob des Begriffs müssen wir aber auch seine dunkle Seite ansprechen. Der Begriff ordnet und gliedert das Chaos der unmittelbaren Erfahrung, schält aus der Mannigfaltigkeit der Eindrücke den Gegenstand heraus, indem er bestimmte Merkmale einer Sache für wesentlich erklärt, während er andere als nebensächlich abtut. Der Begriff gliedert und zerlegt die Welt, um sie dann in der Vorstellung wieder neu zusammenzusetzen. Die Sache aber, wie sie im Begriff sich darstellt, ist zweifellos ärmer als die Sache selbst. Die Welt, wie sie sich im Begriff spiegelt, ist verzerrt. Das ist, wie bereits gesagt, kein Problem, sondern führt gerade dazu, daß der Begriff sich aufgrund neuer Erfahrungen beziehungsweise der Diskusison mit anderen, wandelt und dadurch einen Erkenntnisfortschritt bewirkt.

Es besteht aber auch immer die Gefahr, daß sich der Begriff verselbständigt, ein Eigenleben gewinnt, die ihn nicht nur gegen Erfahrung und Diskussion verhärtet, sondern diese geradezu verhindert. Wo der Begriff nicht mehr durch Erfahrung und Diskussion im Fluß gehalten wird, sondern verdinglicht, beginnt er, perverserweise, die Welt der Gegenstände nach seinem Bild zu formen. Nehmen wir das vielleicht krasseste Beispiel, den Begriff des Juden, den der Antisemit hat. Wir können in diesem Begriff durchaus seine Herkunft aus bestimmten Erfahrungen rekonstruieren. Das Bild des raffgierigen, wucherischen Juden rührt ohne Zweifel noch aus vorbürgerlicher Zeit her, als den Juden einerseits der Zugang zu den Zünften verwehrt, den Christen hingegen ein Zinsverbot auferlegt war. Der Landbevölkerung traten dann Juden in der Regel nur in Gestalt des Geldverleihers entgegen. Diese einstmals reale historische Erfahrung, die schon zur Zeit ihrer Gültigkeit zu einem verzerrten Begriff "des Juden" führte, ist seit Jahrhunderten obsolet. Trotzdem schleppt sie sich im Begriff hartnäckig fort. Und im Falle des Antisemiten steuert tatsächlich der Begriff die Wahrnehmung und, schrecklicher noch, das Handeln, verhindert Erfahrung statt daß er diese ermöglicht.

Es ist nicht Thema dieses Vortrags, den Ursachen hinterherzuspüren, warum das Medium der Erkenntnis in spezifisch historisch-gesellschaftlichem Kontext umschlagen kann, daß es zu einem Filter wird, der jede Erkenntnis verunmöglicht, ja diese sogar blockiert. Soweit diese Ursachen nicht in der Form des Begriffs selbst liegen, sind sie hier nicht Gegenstand der Erörterung. Was uns allerdings hier interessieren muß ist die Möglichkeit dieses Umschlags, die tatsächlich der Form des Begriffs selbst einbeschrieben ist.

Der entscheidende Punkt dabei ist die Art der Erkenntnis selbst, die durch den Begriff vermittelt ist. Erkenntnis durch den Begriff ist Erkenntnis mittels Identifikation. Der Begriff bringt Ordnung in die Mannigfaltigkeit der Welt, indem er unterschiedliche Dinge als das Gleiche identifiziert. Wenn wir einen Stuhl als Stuhl erkennen, dann deshalb, weil wir eine Gleichheit mit all den anderen Stühlen erkennen, eine Gleichheit, die unseren Begriff des Stuhls konstituiert. Indem wir so den besonderen Stuhl mit Hilfe aller dieser anderen Stühle identifzieren, löschen wir aber im Akt der Erkenntnis seine Besonderheit aus.

Das ist im Alltag auch nicht tragisch. Wenn wir müde und abgekämpft in einen Raum kommen und uns erst einmal hinsetzen wollen, dann sind uns spezifische Besonderheiten eines Stuhles ziemlich egal. Wir identifizieren den nächstbesten Stuhl, drehen ihm ohne weitere Skrupel unseren Hintern zu und lassen uns nieder. Genau dies leistet der Begriff: Er reduziert die Welt auf's Wesentliche. Und das Wesentliche heißt hier vor allem: Das für uns Wesentliche. Dem Gegenstand wird damit natürlich Gewalt angetan, aber was soll's, so lange wir bequem sitzen.

Und der Begriff hindert uns nicht daran, an die Identifikation ein "aber" anzuhängen: Dieser Gegenstand ist ein Stuhl, aber von anderen Stühlen unterscheidet er sich dadurch, daß er\ldots Wo wir den Begriff nicht unsere Wahrnehmung blockieren lassen, sondern seiner Gewalt die Spontaneität unserer Erfahrung entgegesetzen, nehmen wir ihm seine identifikatorische Härte. Langer Rede kurzer Sinn: Ohne den Begriff würden wir keine Erfahrungen machen, weil dann die Welt für uns in einem undifferenzierten Chaos versinken würde, aber wenn wir dem Begriff keine Erfahrung entgegensetzen, verdinglicht er und wird vom Medium der Erkenntnis zum Bollwerk der Ideologie.

An diesem Punkt wird es nun Zeit, die Stühle Stühle sein zu lassen und wieder zur Surfmusik zurückzukehren. Dieser ganze Exkurs über Begriff und Erkenntnis diente zunächst einmal dazu, zu erkennen, was Phil Dirt in seinem Aufsatz zur Frage "Was ist Surfmusik?" gemacht hat. Er hat verschiedene Begriffe von Surfmusik daraufhin untersucht, inwieweit sie dazu taugen, ein Stück als Surfstück zu identifizieren. Und er hat festgestellt, daß sie alle nur bedingt dazu in der Lage sind, teilweise sogar ideologischen Charakter tragen. Und er schloß mit einem Plädoyer für einen offenen, erfahrungsgeleiteten Begriff von Surfmusik, der den ideologischen Verdinglichungen eine klare Absage erteilt.

So weit, so gut, so demokratisch: "It's the american way." Doch in der Tat ist diese Vorgehensweise äußerst problematisch, denn so beantwortet heißt das die Frage "Was ist Surfmusik?" so zu interpretieren, als ob sie nach dem Begriff fragt. Doch dem ist nicht so. In der Tat fragt die Frage "Was ist Surfmusik?" nicht nach einem Begriff von Surfmusik, sondern nach der Idee.

Der nun folgende Schlußteil des Vortrags wird zunächst einmal begründen, warum die Frage nicht nach dem Begriff, sondern nach der Idee fragt. Dann wird es darum gehen, genauer zu bestimmen, was den überhaupt eine Idee ist. Und schließlich soll es dann darum gehen, die spezifische Idee von Surfmusik näher zu charakterisieren.


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