Herman Hollerith (1860-1929)

Der Inhalt dieses Abschnitts beschäftigt sich mit der Zeit zwi-schen Babbage und Zuse, in der das Lochkartenverfahren von Hollerith entstand und sieh zur wichtigsten Grundlage der heutigen Datenverarbeitung entwickelte.
    Wie schon angedeutet, vollzogen sich in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Verände-rungen. Durch Einwanderung wuchs die Bevölkerung stark an, und nach dem Bürgerkrieg wurde die Erschließung der westlichen Teile des Kontinents intensiviert. Die Ausbreitung von Industrie, Handel, Eisenbahnen usw. führte zu einer enormen Steigerung der wirtschaftlichen Tätigkeit.
    Der amerikanischen Regierung stellte sich alle zehn Jahre die Aufgabe, eine Volkszählung durchzuführen. Die damit verbundenen Arbeiten vervielfachten sich von Mal zu Mal, da die zu erhebenden Daten mit zunehmender Bevölkerungs-zahl und Wirtschaftstätigkeit wuchsen. 1880 hatte sich die statistische Auswertung zu einem Problem entwickelt, das nach einer Lösung verlangte.

Die Zähl- und Sortierapparatur von Hollerith



Herman Hollerith hatte an diesem 10. US-Zensus mitgearbei-tet und die bei der Auswertung auftretenden Probleme ken-nengelernt. So entwickelte er ab 1882 seine Elektrische Zähl -und Sortierapparatur, deren wesentlicher Bestandteil die Lochkarte war. Sie wurde zunächst bei der Volkszählung zum Träger der Daten einer Person, später generell zum Daten-träger eines Bearbeitungsfalls.
    Hollerith hatte damit eine Apparatur erfunden, die Daten in Lochkarten zählen und diese in eine andere Sortierord-nung bringen kann. Dies war jedoch keine Rechenmaschine. Bemerkenswert an dieser Apparatur war außerdem die Ver-wendung des elektrischen Stroms und die Benutzung der Relaistechnik.
    Die Elektrische Zähl- und Sortierapparatur von Hollerith bestand aus den folgenden Teilen:

Elektrisch verbunden mit der Zählapparatur war der Sortier-kasten.
    Die Hollerith- Lochkarte bildet mit ihren Lochungen in der Abfühleinrichtung einen Vielfachschalter. Die Relais stellen die Verbindung zwischen diesen Stromkontakten, den Zähl-uhren für die Zensusparameter, einem Sortierfach und der Batterie her. Das heißt, mit den Relais wird eine Auswertung programmiert. Und die Einbeziehung eines Sortierfachs in den Stromkreis erlaubt die gezielte Ablage der ausgewerteten Lochkarte und dadurch die Herstellung einer neuen Ord-nung der Lochkarten für die nächste Auszählung.
    Man kann sich leicht vorstellen, dass die Zensusparameter so in Abhängigkeit voneinander programmierbar und kom-plexe Auswertungen möglich sind. Auch mehrere Auswertun-gen lassen sich auf diese Weise gleichzeitig pro Lochkartendurchlauf programmieren. Hinzu kommt die Zuverlässigkeit dieser von menschlicher Aufmerksamkeit unabhängigen Aus-wertungen.
    Ein dritter Aspekt ist die Arbeitsgeschwindigkeit bei den Auswertungen.
    Holleriths Erfindung wurde 1890 beim 11. US-Zensus ein-gesetzt. Fast 63 Millionen Lochkarten (für jeden Bewohner eine) wurden mehrfach ausgewertet.
    Natürlich wusste Hollerith, dass als Grundoperation eines Zensus das Zählen nicht ausreicht, denn bei einer Landwirt-schaftsstatistik sind z. B. auch Flächen und Ernteergebnisse der Farmen auszuwerten. Das heißt, als Grundoperation ist auch die Addition von Werten und Maßzahlen erforderlich.

Die elektrische Rechenmaschine von Hollerith



So überrascht es nicht, daß Hollerith schon 1887, im Vorfeld des Zensus von 1890, eine Additionsmaschine zum Patent anmeldete. In ihr benutzte er eine elektrifizierte Staffelwalze, die aus den Lochungen der Karten Stromimpulse erzeugte, die dann eine Zähluhr weiterschalteten. Das bedeutet, Holle-rith hat damit bereits die Lochspalte- Anordnung der Ziffern 9 bis 1 übereinander - benutzt. Zehnerüberträge wurden in einer Relaisschaltung gespeichert und durch einen sogenann-ten Zehnerübertragungsimpuls ausgeführt.
    Was Hollerith damit geschaffen hatte, war eine mit elektri-schen Impulsen arbeitende Rechenmaschine; ab 1895 wurde sie auch elektrisch angetrieben. Sie besaß -laut Patentschrift - auch eine Einrichtung zum Multiplizieren.

Die weitere Entwicklung der Lochkartenmaschinen



Die Entwicklung in den darauffolgenden Jahrzehnten soll hier nur angedeutet werden:
    Bald nach 1900 wurde die manuelle Abfühlung der Loch-karten durch eine mechanische und kontinuierliche ersetzt. Dies ermöglichte im Anschluß an die Abfühlung die selbsttätige Erkennung von Gruppenwechseln in den Lochkarten, aber auch die Trennung des Sortiervorgangs vom Zähl- und Addiervorgang. Die Sortierung war bei allen anderen Anwen-dungen als dem der Volkszählung ein Vorgang, der vor der Auswertung oder Bearbeitung von Hollerith- Lochkarten lie-gen muß. Denn bei einer Volkszählung kommen die Lochkar-ten zuerst nach Zählbezirken geordnet zur Auswertung.
    Etwa ab 1920 erschienen schreibende Tabelliermaschinen, die jedoch nur für numerische Arbeiten geeignet waren. Die rechnerischen Grundoperationen wurden erweitert von der komplementären Subtraktion auf die direkte Subtraktion und die Querrechnung zur Bildung eines Saldos.
    An dieser Stelle ist auf die Tabelliermaschinen zurück-zukommen. Im kaufmännischen Rechnen ist zum Beispiel in der Buchhaltung oder in der Betriebsabrechnung die Saldie-rung von Soll- und Habenbeträgen notwendig, ebenso die Queraddition und Quersubtraktion.
    Die Tabelliermaschine BK der Deutschen Hollerith Maschinen Gesellschaft mbH (DEHOMAG) in Berlin war 1933 die erste Tabelliermaschine, deren eingebaute Schalt-tafel so programmiert werden konnte, daß in Maschinengängen zwischen dem Abfühlen zweier Lochkarten Queradditio-nen, Quersubtraktionen und Saldierungen vorgenommen werden konnten. Diese noch wenige Programmschritte ent-haltenden Schaltungen stellen eine Programmierung dar, die über die schon erwähnte Gruppenkontrolle hinausging.
    Das kann auch so ausgedrückt werden: Die Tabellier-maschine BK ist ein Rechenautomat. Sie konnte Daten lesen, verarbeiten sowie Daten und Ergebnisse drucken, diese aber auch stanzen, um sie einer weiteren Verarbeitung zuführen zu können.
    Wenige Monate später folgte die Tabelliermaschine BKZ der DEHOMAG. Auf der Grundlage der Tabelliermaschine BK war die BKZ uni eine Multiplikationseinrichtung erwei-tert, die es ermöglichte, Zinsstaffeln zu errechnen.
    1936 wurde in der Weiterentwicklung von der DEHOMAG die schreibende numerische Tabelliermaschine D 11 auf den Markt gebracht, die bereits neun Zwischengänge, also Pro-grammschritte, aufwies und die - über die Möglichkeiten der Tabelliermaschine BKZ hinaus - auch dividieren konnte.
Zu Beginn der 30er Jahre wurde auch die Alphabetspeiche-rung in den Hollerith-Lochkarten eingeführt, und alphabet-schreibende Tabelliermaschinen gestatteten die normal lesbare Beschriftung, beispielsweise von Rechnungen oder Versicherungspolicen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich auf der Grundlage des zwischen 1930 und 1945 verbesserten Multi-plizierers IBM 600 der Übergang zum elektronischen Rech-nen.
    Da die Schaltgeschwindigkeit elektromechanischer Relais Grenzen setzte, verwendete man nun Elektronenröhren. Im September 1946 wurde der elektronische Rechenstanzer IBM 603 in sehr kleiner Stückzahl auf den Markt gebracht
 
 

 

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