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Im Frühjahr 1999 brechen wir nach Kreta auf. Über L-tur buchen wir einen Last-Minute Flug nach Heraklion, die Hauptstadt der Insel. Wir beabsichtigen, die Insel im Uhrzeigersinn zu umrunden.
Kreta ist mit 260 km Länge und ca. 60 km Breite die größte Insel Griechenlands. Der Großteil der Insel wird durch das gewaltige Ida-Gebirge sowie durch das Dikti-Gebirge geprägt.
Heraklion
Vom Flughafen fährt ein Stadtbus alle 20 Min. ins Stadtzentrum. In einer der vielen Guest-Houses finden wir ein relativ ruhiges Zimmer. Das ist in dieser Stadt eine Seltenheit! Der Straßenlärm verstummt nur in der Zeit zwischen 3 Uhr und 5 Uhr nachts. Außerdem liegt die Stadt genau unter der Einflugschneise des 7 km entfernten Flughafens, sodaß die Urlauberjets fast zum Greifen nahe über den Dächern Heraklions, je nach Windrichtung, starten oder landen.
Dennoch ist Heraklion eine sehenswerte Stadt. Rund um den schönen Morosini- Brunnen gruppieren sich die meisten Touristenlokale und Cafés. Der Platz ist aber auch Treffpunkt für die Einheimischen, sodaß man sich gemütlich bei einem Ouzo oder Raki das bunte Treiben anschauen kann.
Besonders gut gefällt uns die Marktgasse", die 1866-Strasse, die nicht weit vom Morosini-Brunnen entfernt liegt. In der engen Gasse reiht sich ein Gemüsestand an den nächsten Fischstand, dazwischen werden Lederartikel, Schwämme, Gewürze, Küchenutensilien und vieles mehr verkauft. Von hier zweigt auch die Fressgasse"ab, ein schmales überdachtes Gässchen zwischen der Marktgasse und der Evans-Strasse, in der sich etliche schöne Tavernen befinden. Überhaupt ist des Essen auf Kreta ein besonderes Erlebnis. In den Tavernen zeigen die Köche in Warmhaltevitrinen, was es heute zu essen gibt. Eine Karte sucht man oft vergeblich. Man sucht sich in der Vitrine das aus, was man essen möchte. So gibt es zumindest hier wenig Verständigungsprobleme. Wir haben niemals mit dem Essen schlechte Erfahrungen gemacht!
Weiterhin sollte man es in Heraklion nicht verpassen, auf der venezianischen Stadtmauer einen Spaziergang zu unternehmen. Man hat eine wunderbare Aussicht auf die ganze Stadt und auf den Hafen.
Agios Nikolaos
Ganz Kreta ist durch Busverbindungen ausgezeichnet erschlossen. Man kommt auf diese Weise an fast jeden Ort.
Wir verlassen Heraklion Richtung Osten mit dem Linienbus nach Agios Nikolaos.
Dieser malerische Ort gruppiert sich um einen dunkelgrünen Binnensee der durch einen schmalen Kanal mit dem Hafen verbunden ist. Um den See herum finden sich etliche Cafés und Restaurants. Diesen See umgibt ein Geheimnis, das bis heute nicht gelüftet ist: als 1956 auf der weit entfernten Insel Santorin ein Vulkan ausbrach, stiegen im See von Agios Nikolaos tote Seefische auf.
| Unser winziges Zimmer in einem der zahlreichen Guest-Häuser bietet uns einen grandiosen Ausblick auf den See und den Hafen sowie auf die Steilküste der Mirabello Bucht. | ![]() |
Da wir schwerpunktmässig den Westen der Insel erkunden wollen, sparen wir die Ostecke Kretas aus und wenden uns der Lassithi Ebene zu.
Lassithi Ebene
Diese kreisrunde fruchtbare Ebene liegt 800 m über dem Meer und abgeschirmt vom Rummel an der Küste. Die wenigen Bewohner sind Bauern, die vom Ertrag der zahllosen Äcker und Obstplantagen leben. Berühmt wurde die Lassithi Ebene durch die weit über 10.000 mit Segeltuch bespannten Windräder, die einst Wasser auf die Felder förderten. Heute sind die Windräder durch Motorpumpen ersetzt worden, sodaß nur noch die verrosteten Gerüste der Windräder übrig blieben.
Wir haben die Ebene diagonal durchwandert, was einen schönen 1,5 stündigen Spaziergang ergab. Das Plateau ist topfeben, hat einen Durchmesser von ca. 8 km und wird umrahmt von den Zweitausendern des Dikti Massivs. Inmitten dieser üppigen Vegetation begegnen wir etliche Bauern, die als einziges Transportmittel einen Maulesel besitzen.
Eine weitere Einnahmequelle der Bauern ist der Verkauf von selbstgewobenen Teppichen uns Stickereien an die zahlreichen Touristen, die sich in klimatisierten Reisebussen auf der Ringstrasse um die Lassithi Ebene herumkutschieren lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass in Tzermiadon, dem Hauptort der Lassithi Ebene, wo wir unser Quartier finden, alle Häuserfronten mit bunten Teppichen und Stickereien behangen sind. Richtig friedlich wird es in den Gassen und Tavernen abends, wenn die Reisebusgruppen wieder in ihre Urlaubsorte verschwunden sind.
Matala
Unser nächstes Ziel ist Matala, an der Südküste gelegen. Berühmt wurde dieser Ort durch zahlreiche Höhlenwohnungen aus der Steinzeit, die in den sechziger Jahren von Hippies als Wohnung entdeckt wurden.
Die Höhlenwohnungen sind über 8000 Jahre alt und für Jedermann zugänglich. Wir klettern entlang des Felsens herum und besichtigen die Höhlen. Interessant sind vor allem die in den Fels gehauenen Felsliegen mit Nackenstütze!
Nach der Rumkraxelei auf den Felsen bietet sich ein Bad am langen Sandstrand an. Und anschließend ein Bummel durch die wenigen Gässchen Matalas. Hübsch ist vor allem die Basarstrasse, in der sich ein Souvenirladen an den anderen reiht.
Loutro
Unsere Reise soll uns weiter nach Westen an die unzugängliche Südwestküste Kretas führen. Die Autostrasse endet in Chora Sfakion, ab hier geht es nur noch zu Fuß oder mit dem Schiff weiter.
Obwohl Luftlinie Matala und Chora Sfakion etwa 30 km auseinander liegen, gibt es doch keine direkte Busverbindung. So müssen wir uns durchs Gebirge nach Rethimnon an der Nordküste schaukeln lassen, um von dort wieder in einen Bus an die Südküste zu steigen. In Chora Sfakion angekommen, steht bereits ein Schiff, das uns nach Loutro bringen soll. Wir hatten gehofft, dass wir einige Zeit in Chora Sfakion verbringen könnten, denn der Ort ist sehr hübsch.
An der Tavernengasse, die um die halbrunde Hafenbucht herum liegt, kann man beim Genuß der kretischen Köstlichkeiten den Blick übers Meer schweifen lassen. Interessant ist auch der Zeitpunkt, wenn das Schiff mit den Bezwingern der Samariaschlucht ankommt. Alles was laufen kann, muss in Kreta die Samariaschlucht durchwandern. Meist wird diese Wanderung als Pauschalausflug angeboten. So werden die Wanderer mit Bussen auf die Omalos-Hochebene gebracht, wandern durch die 15 km lange Schlucht nach Agia Roumeli hinab, von wo sie ein Schiff eben nach Chora Sfakion bringt. Dort warten dann wieder die Reisebusse auf die Wanderer. Und eben dieser Strom an erschöpften Wanderern ist hochinteressant zu beobachten. Es befinden sich manche kuriose Zeitgenossen darunter!
Wir aber steigen direkt um auf unser Schiff, das uns über Agia Roumeli nach Loutro bringt. Loutro wird unser Favorit auf dieser Reise! Es führt keine Straße dorthin, also wird man auch nicht durch Verkehrsgewühl belästigt. Ganz ungewöhnlich in Kreta! Bereits vom Schiff aus wird einem klar, was den Charme des kleinen Örtchens ausmacht: das Dorf kuschelt sich in eine tiefe Bucht mit einem Kieselstrand, unmittelbar hinter den wenigen Häusern türmt sich die Bergwand steil auf.
| Das Ortsbild wird wirklich jedem Kreta-Klischee gerecht: weiße Häuschen, blaue Fenster und Türen, überall wuchern Blumen, das glasklare Wasser lädt zum Baden ein. | ![]() |
Ein Zimmer ist schnell gefunden, da fast jedes Haus Gästezimmer vermietet. Meist haben die Wirtsleute ihr eigenes Wohnhaus zur Verfügung gestellt, und bewohnen selbst nur noch ein einzelnes Zimmer.
Nach ein paar Tagen relaxen brechen wir zu einer der schönsten Wanderungen auf, die wir je unternommen haben:
Früh am morgen steigen wir einen winzigen Zickzack-Weg die Steilwand hinter Loutro hinauf. Der Anstieg führt fast 600 Höhenmeter nach oben. Oben angekommen genießen wir den Blick auf Loutro, das zu unseren Füßen wie ein Spielzeugdörfchen aussieht. Das Wasser in der Bucht ist so klar, dass wir von dort oben die Felsen unter Wasser sehen können!
Wir folgen dem Bergrücken bis zum verlassenen Dorf Aradena. Von Aradena führt ein Maultierpfad in die Aradenaschlucht hinein. Als wir unten sind, erheben sich die Felswände senkrecht rechts und links 150 m hoch. Wir begegnen während des 2,5 Stunden dauernden Abstieges durch die Schlucht kaum einer Menschenseele. Immer wieder liegen Ziegenkadaver in der Schlucht. Es handelt sich um an den steilen Felsen abgestürzte Tiere. Man muss sich auch vor Steinschlägen in Acht nehmen, die kletternde Ziegen öfters auslösen. Nachdem wir eine Stunde durch die Schlucht gelaufen sind, kommen wir an einen 12 Meter hohen Felssturz, der nur kletternd zu überwinden ist. Wer hier nicht schwindelfrei ist, der muss an dieser Stelle umkehren. Zum Glück sind in den Felsen mehrere Ketten angebracht worden, an denen man sich die 12 Meter abseilen kann. Nach 20 Minuten ist auch dieses Hindernis überwunden.
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Immer weiter fällt die Schlucht zum Meer ab, bis wir endlich an der Marmorbucht ankommen. Hier kann man sich in einer Taverne für die restlichen 5 km bis Loutro stärken. |
Mit schwerem Herzen trennen wir uns von dem malerischen Ort und nehmen ein Schiff nach Paleochora.
Chania
Nach einer Übernachtung in Paleochora, der erste Ort an der Südküste in Richtung Westen, der wieder per Autostrasse erschlossen ist, fahren wir nach Chania. Chania ist die zweitgrößte Stadt Kretas und unserer Ansicht nach, die schönste!
Trotz dem vielen Tourismus, verströmt die Altstadt eine wunderbare Atmosphäre. Rund um den venezianischen Hafen laden unzählige Tavernen zum Verweilen und Zuschauen ein. Unser Zimmer haben wir in einer winzigen Gasse gefunden, durch die kein Auto durchpasst.
Wem der Rummel rund um den Hafen auf die Nerven geht, findet in dem Gassengewirr Chanias etliche ruhige, beschauliche Winkel.
Vor allem Abends, wenn die untergehende Sonne die Stadt in rotgoldenes Licht taucht, hat man vom Hafenkastell aus den schönsten Blick auf die Hafenbucht und die Stadt.
Und nur wenige Schritte weiter kann man den Sonnenuntergang in einer der vielen gemütlichen Bars begießen.
Wer gerne Lederwaren mag, der wird sich von der Ledergasse" nicht losreißen können: eine Gasse in der sich auf beiden Seiten ein Ledergeschäft an das andere reiht. Hier gibt es alles, was sich nur aus Leder herstellen lässt. Hier habe ich für einen Spottpreis pelzgefütterte Lederhandschuhe gekauft (bei 30 Grad im Schatten!), um die ich in unserem Winter schon oft sehr dankbar war.
| Großen Spaß macht auch eine Besichtigung des täglich stattfindenden Marktes in den großen Markthallen. | ![]() |
Leider geht auch diese schöne Zeit wieder einmal zu Ende, und wir begeben uns nach einem Zwischenstopp in Rethimnon zurück nach Heraklion. Dort legen wir noch einmal eine Übernachtung ein, um die Kochkünste der Restaurants in der Fressgasse" (s. Heraklion) wieder einmal genießen zu können, bevor uns unser Flugzeug am nächsten Tag nach Hause bringt.
2000 by Marc Buckenmaier